Bei unrast:

Vorwort: Wie eine zweite Haut

Vorwort
In den letzten Jahren haben sich vielfältige Formen einer Kulturarbeit mit Mädchen entwickelt. Geleitet von der Idee, daß Mädchen darin Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Belange finden können, zielt Kulturarbeit mit Mädchen auch darauf, ein kulturelles Sichtbarwerden weiblicher Identität zu ermöglichen, zu fördern und ihm einen eigenen Stellenwert zuzuschreiben.

Das vorliegende Buch ist in erster Linie ein Praxisbuch für eine so verstandene Kultur- und Bildungsarbeit mit Mädchen. Es knüpft an Aspekte aus der Diskussion um den Stellenwert dieser Kulturarbeit an und will beispielhaft zeigen, wie darin eine identitätsfördernde Zielrichtung gefunden werden kann.
Diese identitätsunterstützende Kultur- und Bildungsarbeit mit Mädchen kann den Raum bieten, eigene Vorstellungen weiblicher Identität zu entwickeln und mit künstlerischen Mitteln darzustellen. Über den Prozeß des Findens und Entwickelns von Ausdrucksformen können auch Gestaltungsmöglichkeiten sozialer und geschlechtlicher Rollen vermittelt werden. Es können Interaktionsprozesse angeboten werden, die dazu anregen, sich jenseits einer Übernahme von stereotypen Bildern dessen, was vorgegeben scheint, aktiv selbst einzubringen und eigene Wege zu entdecken, eigene Gewißheiten zu gewinnen.

Vorgestellt wird in diesem Buch eine Kultur- und Bildungsarbeit, die mit thematischer Orientierung an der Lebenswelt von Mädchen ansetzt und auf eine Umsetzung dieser Themen in Situationsplastiken ausgerichtet ist.
Themen aus dem Alltag von Mädchen und jungen Frauen, wie die Bedeutung von Mädchenfreundschaften, Erfahrungen mit Liebe und Sexualität, Widersprüche im Umgang mit dem gängigen Schönheitsideal und Körpernormierungen, mit Rollenvorstellungen und Überlegungen zur Berufs- und Lebensplanung.
Wie eine zweite Haut scheinen die Situationsplastiken Momentaufnahmen dieser Themen abzubilden. Die Plastiken zeigen Entwicklungsstufen im Prozeß des Erwachsen-Werdens von Mädchen, in dem es um das Bewußt(er)-Werden der eigenen Person und Rolle im Rahmen sozialer Eingebundenheit mit all ihren innewohnenden Facetten geht. Erfahrungen, die damit verbunden sind, müssen integriert werden in die eigene Person, Wandlungen vollziehen sich und werden in einem umfassenden Sinne ›einverleibt‹. Das stellt hohe Anforderungen an Mädchen. Alltagssprachlich ausgedrückt fühlen sie sich dabei auch manchmal ›nicht wohl in ihrer Haut‹, müssen ›ihre Haut retten‹ oder wollen ›aus der Haut fahren‹. Gleichzeitig legen sie sich, symbolisch gesehen, mit neuen Erfahrungen auch eine ›zweite Haut‹ zu, erleben ›hautnah‹ im umfassenden Sinn körperliche, geistige und seelische Veränderungen, für die es oftmals noch nicht die richtigen Worte und Verhaltensweisen gibt.

Wie eine zweite Haut entwickeln sich auch die Situationsplastiken im Herstellungsprozeß selbst. Die Erfahrungen des Auftragens verschiedener Schichten von Gipsbinden auf den Körper, das Lösen der Körperabdrücke und das anschließende Betrachten – nicht selten fühlt sich manche dabei als wäre sie selbst einer ›zweiten Haut‹ entstiegen, die nun mit Hilfe ihrer und der Hände anderer zu einer Figur zusammengesetzt wird und von außen betrachtet plötzlich wieder das Eigene zeigt. Dieses Eigene, welches nun einen sichtbar gewordenen, vielleicht vorher verborgenen, Wunsch oder eine Orientierung ausdrückt – es wird stellvertretend für eine, von vielen Mädchen gemeinsam gefundenen Geste, dargestellt und zeigt, was an der ›zweiten Haut‹ auch andere betrifft. Es ist eine ›ehrliche Haut‹, die darstellt, was eine gemeinsame Haltung ist, sein kann oder sein will.

Wir haben es also in dieser hier vorgestellten Kulturarbeit im direkten Sinne mit vielschichtigen Prozessen zu tun.

Wie eine zweite Haut stellt einen Ansatz aus der Mädchenkultur- und Bildungsarbeit vor, der versucht, MÄDCHEN-LEBEN(S)-KUNST ins Blickfeld zu rücken. Skulpturen und Reliefs werden von (Lebens)›Künstlerinnen‹ entwickelt, Erfahrungen und Wünsche können darin sichtbar werden, nehmen in den Plastiken Gestalt an und gestalten somit wiederum das eigene Bewußt-Werden, das Be-Greifen im mehrfachen Sinne, das Gewahr-Werden von inneren und äußeren Wahrheiten.

Die Situationsplastiken sind eine sehr anschauliche, figurative Darstellung dessen, was bei der Suche nach Identität und Selbstausdruck Mädchen und junge Frauen bewegt und was sie zu sagen haben.

Zu Beginn des Buches geht es in einem theoretischen Teil um die Hintergründe und konzeptionellen Überlegungen zu einer Kulturarbeit mit Mädchen.
Wie findet in den Konzepten zur Kulturarbeit die Lebenswelt von Mädchen Eingang?
Wozu kann/ soll Kulturarbeit mit Mädchen beitragen?
Was kann hier gelernt werden?
Zu welchen Ausdrucksformen wollen/können wir verhelfen?
Es werden darin auch Erfahrungen eingearbeitet, die sich aus meiner bisherigen praktischen Arbeit ergeben haben.
Im mittleren Teil des Buches findet sich ein exemplarisch beschriebener Arbeitsablauf, der mit seinen Bebilderungen und Beschreibungen annähernd zeigen möchte, wie die Arbeitsabläufe bei der praktischen Herstellung der Situationsplastiken und Skulpturen sind.
In einem letzten Teil werden ausgewählte Themenschwerpunkte aus dieser Kultur- und Bildungsarbeit mit Mädchen beispielhaft in ihrem methodisch-didaktischen Aufbau für projektorientiertes Arbeiten vorgestellt. Es werden Herangehensweisen an Themen exemplarisch beschrieben, ein sinn-voller Aufbau von Workshop- und Seminarkonzeptionen gezeigt und die verschiedenen entstandenen Produktionen abgebildet.

»Die Bildung ist die Schwester der Kunst«, schreibt Johannes Beck. Die Bedeutung, in Kürze, weist darauf hin, daß Bildung immer auch Kunst ist, so, wie Kunst im umgekehrten Fall immer auch Bildung ist. Hierauf wird in dem vorliegenden Buch Bezug genommen.

Auch mein eigener Entwicklungsweg zu der Arbeit mit Situationsplastiken ist ein vielschichtiger und durchzogen mit den Diskussionsansätzen um die Verschränkung von Kunst und Bildung. Angeregt durch meine Arbeit im Jugendhof Steinkimmen, einer Jugendbildungsstätte im Norden Niedersachsens, habe ich 1986 begonnen, inspiriert durch das künstlerische Werk George Segals, erste Ansätze einer Arbeit mit Situationsplastiken in Seminaren und Projekten zu entwickeln.
Beeinflußt wurde ich durch die damals aktuellen Diskussionen in dieser Einrichtung um didaktische und methodische Weiterentwicklungen in der Frauenbildungsarbeit, in denen ganzheitlich orientierte Ansätze mit einer Verbindung von politischer, kultureller und personenbezogener Bildung konzipiert wurden.
In der Folge wurden im Jugendhof Steinkimmen verschiedene kulturpädagogische Ansätze und künstlerische Mittel in die Mädchen- und Frauenbildungsarbeit einbezogen und mit ihren spezifischen Ausdrucksmöglichkeiten eingesetzt, um weibliche Lebensrealität sichtbar und somit nochmals in eigener Ausdrucksform erfahrbar werden zu lassen.
Mein Ansatz einer Gestaltungsarbeit mit Situationsplastiken in Bildungsprozessen steht in engem Zusammenhang mit der im Jugendhof Steinkimmen entwickelten Arbeit und ist zugleich auch in die dortige Bildungsarbeit eingeflossen.

In diesem Buch sind insbesondere Projekte vorgestellt, die ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Bildungsreferentin des Jugendhof Steinkimmen im ›Niedersächsischen Modellprojekt Mädchen in der Jugendarbeit‹ von 1991 bis 1996 durchgeführt habe. Da an der Durchführung einer solchen Arbeit bekanntermaßen immer viele beteiligt sind, wird auch im vorliegenden Buch manchmal ein ›wir‹ oder ›uns‹ auftauchen.
An dieser Stelle sei allen beteiligten Frauen herzlich gedankt für ihre Anregungen, die sicherlich auch in der einen oder anderen Weise in die Vorstellung meiner Projekte eingeflossen sind.

Seit 1997 arbeite ich mit dem Ansatz weiter im Rahmen von Präventionsprojekten mit Mädchen. Ferner im Rahmen von Lehrveranstaltungen mit Studentinnen der Sozialpädagogik. Dort ist es mir möglich, innerhalb der pädagogischen Ausbildung projektorientiertes Arbeiten in dieser Form zugänglich zu machen und insbesondere auch, im Kontext theoretischer Aufarbeitung eines solchen Ansatzes, weiterzuentwickeln. In dem vorliegenden Buch sind auch Ergebnisse dieser Arbeit unter den ›Lebenskunst-Projekten‹ dokumentiert. An dieser Stelle danke ich auch meinen Studentinnen für die engagierte Mitarbeit, für ihre Begeisterung und das spürbare Inspiriert-Sein zu eigenen Experimenten in ihrer pädagogischen Praxis.

Danke ebenso an geduldige ZuhörerInnen und aufmerksame LeserInnen in meinem Freundeskreis.
Ich hoffe, daß all denen, die bisher schon mit den Situationsplastiken gearbeitet haben, und all jenen, die dies noch möchten, mit diesem Buch ein hilfreiches Arbeitsmaterial zusammenfassend und anregend vorliegt.
Danke deshalb auch an die Lektorin des Verlages – sie hat mit wachem Interesse und engagierten Vorschlägen sehr dazu beigetragen.