Bei unrast:
"Längst fällige Analyse"Buchrezension: Monika Jarosch, AEP-Information
Jutta Sommerbauer: Differenzen zwischen Frauen
Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus Unrast-Verlag, Münster 2003, 136 S. 13,00 € Die Autorin legt eine längst fällige Analyse zu Problemen vor, die Feministinnen heute trennen. Ausgehend von der These, dass das – bei weitem nicht ausreichende – bürgerliche Versprechen der abstrakten Gleichheit noch nicht eingelöst und als politischer Bezugspunkt gestrichen wurde, plädiert sie für einen Feminismus „jenseits von Identitätspolitik und Dekonstruktion“. Nicht jedoch will sie den Weg zurück, wo idealistische Wesensbestimmungen der Frau, der überzogene Universalismus des ‚Mittelschichtsfeminismus’, Ethnozentrisums oder simple Ignoranz zu Recht einer radikalen Kritik ausgesetzt wurden (S. 114). Die heutige Frauen- bzw. Geschlechterforschung habe jedoch eine Anbindung an die Anliegen der Frauenbewegung oder der feministischen Politik weitgehend verloren – es würden eigene spezialisierte und ausdifferenzierte Debatten geführt. Sie untersucht die Aussagen der postfeministischen Ideen, was es bedeute, wenn es „die Frau“ nicht mehr geben darf: in letzter Konsequenz eine Ergänzung der erstarkenden neoliberalen Ausrichtung der Politik, eine ideologische Absicherung der Flexibilisierungstendenzen, denen die Subjekte in der postfordistischen Phase zunehmend ausgesetzt seien. Postfeminismus wendet sich zum Antifeminismus und ruft – wie schon geschehen – Margaret Thatcher als Heldengestalt des britischen Feminismus aus. In ihrem Buch zeichnet die Autorin die Entwicklung des Feminismus mit den jeweiligen Theorien nach und untersucht dann die unterschiedlichen Rezeptionen des postmodernen Feminismus in den USA und in deutschsprachigen Ländern. Die frühen KritikerInnen eines weißen Feminismus – schwarze und farbige Frauen – plädierten nicht für mehr oder differenziertere Identitäten, sondern forderten die Integration ihrer Lebenswirklichkeit und ihrer Anliegen, damit der Feminismus seinem Universalitätsanspruch nachkommen könne. Wie kann jedoch ein neuer, wiederum politischer Feminismus aussehen? Den Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und der Emanzipation von Herrschaft – Fragen, die den übergreifenden Gesichtspunkt der Debatte um Gleichheit und Differenz bilden, müsse wieder unser Augenmerk gelten, beides Fragen, die weder von Dekonstruktion noch von partikularistischer Identitätspolitik beantwortet werden. Der Universalitätsanspruch des Feminismus verstehe sich als kritisches Werkzeug, das es wagt, die Totalität in den Blick zu nehmen. Der universale Anspruch liegt nicht in der (Selbst-)Identifikation mit einer positiven weiblichen Identität begründet, sondern in dem Willen zur Veränderung (der geschlechtlichen und anderen Konstruktionsregeln) der Gesellschaft. Feministisches Engagement arbeite an der Zerstörung der hierarchischen Beziehungen zwischen Frauen und Männern. Dazu brauche es keine positive Selbstidentifikation mit einem Kollektiv. Das feministische „Wir“ ist kein ewiges, ahistorisches Wir, sondern sein Bestehen leitet sich aus der objektiven, als nicht zufriedenstellend definierten gesellschaftlichen Situation ab, deren Aufhebung das Ziel ist. Sie bezieht sich hier auf zwei feministische Philosophinnen, Cornelia Klinger und Herta Nagl-Docekal (Literaturangabe anbei). Das Buch ist nicht leicht zu lesen und stellt einige Ansprüche an die Leserin, aber es ist auch ein schwieriges Thema. Mir erscheint es ganz wesentlich und wichtig auch für das Selbstverständnis der Frauenbewegung, der mit diesen Ideen ihr nicht-essentialistisches, aber politisches, feministisches „Wir“ wiedergegeben werden könnte. Aus dem Inhalt: Feminismus als Kritik, Geschlecht und Geschlechterverhältnisse, Inhaltliche Aspekte des postmodernen-feministischen Ansatzes, Die Krise der Kategorien als Ausdruck der gesellschaftlichen Krise, Differenzen zwischen Frauen: zur Kritik einer Debatte, Feminismus jenseits von Identitätspolitik und Dekonstruktion. Literatur Nagl-Docekal, Herta (2000): Feministische Philosophie: Ergebnisse, Probleme, Perspektiven, Frankfurt/Main. Klinger, Cornelia (2003): Ungleichheiten in den Verhältnissen von Klasse, Rasse und Geschlecht, in: Gudrun-Axeli Knapp/Angelika Wetterer (Hg.) (2003): Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik II, Münster. Monika Jarosch in: AEP-Informationen, feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft. Heft 2/2004, A-6020 Innsbruck. Kontakt AEP: http://www.aep.at |