Bei unrast:

Ekkehard Sauermann, Halle

Buchrezension

Rezension
Wolf Wetzel: Krieg ist Frieden. über Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach ...
UNRAST Verlag Münster Oktober 2002

Am 21.und 22.Januar hat "junge Welt" einen umfangreichen Artikel von
Wolf Wetzel über die Hintergründe des von den USA zügig vorbereiteten
Krieges gegen den Irak veröffentlicht.
( Diese Publikation reiht sich ein in das verdienstvolle Bemühen dieser
Tageszeitung, in der Enthüllung der Kriegspläne an vorderster Linie eines
unabhängigen und verantwortungsbewußten politischen Journalismus zu
stehen und solchen Autoren eine Publikationsmöglichkeit zu geben, die
vor Tabus nicht zurückschrecken und eine eindeutige klare Sprache sprechen.)
Wetzels Beitrag ist eine scharfsichtige und konzentrierte Analyse der Kriegsziele
der US-Führung sowie der realen Wirkungskraft der von der Bundesregierung vertretenen (mehr oder weniger) entgegenstehenden Interessen. Auf dieser Grundlage geht der Autor auf die komplizierte Herausforderung der Friedensbewegung ein, welche sich aus der ambivalenten Haltung der Bundesregierung ergibt. Zugleich polemisiert er nachdrücklich und treffsicher gegen solche Befürworter der US-Kriegspolitik, die sich als Linke ausgeben.
Angesichts einer allgemeinen Verwirrung im linken Spektrum in der Frage Krieg-Frieden drängt sich die Frage auf: woher nimmt Wolf Wetzel seine Klarheit in
der Einschätzung der weltpolitischen Situation sowie der zugrunde liegenden
Entwicklungsprozesse? In welcher geistigen Werkstatt hat er diese Einblicke und
Einsichten gewonnen? Welche Entwicklungsprozesse mußte er selbst bewältigen,
um einen solchen politischen Reifegrad zu erreichen, wie er in diesem Artikel
zum Ausdruck kommt?
Eine Antwort auf diese Fragen vermittelt das Buch von Wetzel "Krieg ist Frieden".
Wer sich der Position Wetzels - und damit der konsequenten linken Kriegsgegner -
nähern möchte oder aber auch wer sie widerlegen will, findet in dieser Schrift
reichhaltiges Material. Es handelt sich um ein Werkstatt-Buch, welches einen
herausfordernden Einblick und Überblick in die ideelle und politische Werkstatt
des Verfassers gibt, in seinen politischen Werdegang seit dem Ende des Kalten
Krieges sowie in die theoretische Verallgemeinerung seiner auf diesem Weg
gewonnenen politischen Erfahrungen.
Wichtige Stationen auf diesem Weg, die im Buch behandelt werden, sind
die Kriege gegen den Irak 1991, gegen Jugoslawien 1999, gegen Afghanistan
2001/2002. Aber Wetzel ordnet in diesen Zusammenhang als eigenständiges
Kapitel auch den Staatsterrorismus ein, der im Januar 2001 gegen die Demonstranten in Genua angewendet worden ist. Dem Autor geht es um das
gesamte Geflecht und das breite Spektrum der Durchsetzung weltmachtpolitischer
Interessen auf außen-und innenpolitischem Gebiet seit dem Ende des Kalten
Krieges. Wolf Wetzel behandelt die Durchsetzung einer "Neuen Welt-Kriegs-Ordnung".
(Der Rezensent, dessen Buch "Neue Welt Kriegs Ordnung" im Atlantik
Verlag Bremen/Montreal zum gleichen Zeitpunkt wie Wetzels Schrift herausgebracht und im gleichen Stand auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt worden ist, hat in nachherein den Eindruck, daß die beiden Bücher in produktiver Abstimmung arbeitsteilig geschrieben worden sind. Da beide Autoren aber unabhängig voneinder ihre Bücher verfaßt haben, muß es eine andere Erklärung geben - möglicherweise eine der extremen welthistorischen Herausforderung geschuldete ideelle "Abhängigkeit" zwischen politisch Gleichgesinnten.)
Zu den politischen Gebieten und Problemen, denen sich Wetzel zuwendet,
trifft er in konzentrierter und überzeugender Weise gut begründete Aussagen,
die im wesentlichen übereinstimmen mit denen anderer Autoren, die in jüngster
Zeit auf diesem Gebiet publiziert haben und eine ähnliche politische Richtung
vertreten. Insofern bestätigt und bestärkt Wolf Wetzel die Positionen jener Publizisten, die konsequente Vertreter einer "Anti-Kriegspartei" sind - und zwar
mit seiner ganz eigenständigen und eigenwilligen "Handschrift".
Aber damit erschöpft sich nicht die Bedeutung von Wetzels Buch.
Der ganz besondere Wert -und auch der Reiz- dieser Publikation besteht
darin, daß Rolf Wetzel vorzugsweise ein politischen Praktiker ist, der seine Auseinandersetzung mit den von ihm behandelten Fragen auf politische
Schlüsselerlebnisse und Erfahrungen gründet.
Auf diese unmittelbare Erfahrung wird in einigen Passagen des Buches explizit
eingegangen. So schildet der Autor - im Rahmen seiner Behandlung der Auseinandersetzung um den NATO-Krieg in Jugoslawien - die in seinem
eigenen Einsatz vor Ort gewonnenen Eindrücke bei den Protesten gegen
die Kriegspolitik der Grünen auf deren Sonderparteitag in Bielefeld am
13.5.1999. (S.69 ff.) Dieser spezielle politische Erfahrungshorizont wird durchgängig implizit deutlich. Dies ist der große Vorzug dieses Autors.
Hieraus hätte auch ein Nachteil erwachsen können - das pragmatische
Verhaftetsein an den Aktionen sowie eine Verstrickung in die Interna
der speziellen Aktionsgruppen, mit denen Wetzel eng verbunden ist.
Aber dieser Gefahr entgeht Wolf Wetzel weitgehend infolge seines theoretischen Talents - weniger im akademischen Sinne, sondern in Richtung auf eine praxisbezogene Theorie, mittels der politisch und zeitgeschichtlich brisante Vorgänge analysiert und im Hinblick auf politische Schlußfolgerungen verallgemeinert werden.
Und gerade auf diesem entscheidenden Gebiet handelt es bei "Krieg ist Frieden"
um ein Werkstatt-Buch, in dem der engagierte Leser die Anspannung und
Anstrengung des Autors verfolgen und somit die erzielten, schwer erarbeiteten
(und teilweise erlittenen) Ergebnisse würdigen kann. Dabei sind diese Ergebnisse
nicht theoretisch abgeschlossen und fertig, so wie ja auch die konfliktreiche
politische Praxis nicht abgeschlossen ist. Es handelt sich in jedem einzelnen
und besonderen Fall um Zwischenprodukte, die teilweise nur blitzlichtartig
aufscheinen. Insoweit ist das Buch aus Teilen, aus Stücken zusammengefügt.
Aber es ist kein Stückwerk. Wetzels Schrift ergibt ein Ganzes, ein erstaunliches
Ganzes, welches sich auch dem Rezensenten nicht im ersten Anlauf erschlossen
hat; dessen Verstehen wahrscheinlich eine ähnliche Denk-Anstrengung erfordert,
wie sie der Autor selbst aufbringen mußte. Dabei fügt sich dieses Ganze, die
zusammenfassende Schlußfolgerung (wie dies auch in dem besagten "junge Welt"-
Artikel deutlich wird) insbesondere auf argumentativem Gebiet zusammen und
erreicht hier seinen Höhepunkt. Wetzel hat seit dem Golfkrieg von 1991 (und gewiß bereits zuvor) seine politischen "Feuertaufen" nicht als Einzelkämpfer und Theoretiker, sondern innerhalb eines bestimmten Spektrums und Milieus der radikalen Linken als aktiver Teilnehmer erfahren. Mit dieser Gemeinschaft war -und ist- er sowohl eng verbunden und persönlich gebunden, als auch hat er sich mittels kritischer Reflexion davon abgesetzt, typische Schwachpunkte erkannt und versucht, sie zu verstehen und schrittweise zu überwinden. Als ein Leser, der
bereit ist, sich auf diesen engagierten Autor einzulassen, ihn ernst zu nehmen,
sich mit seinem Anliegen sowie persönlichen Einsatz zu solidarisieren, spürt
man, wie widerspruchsvoll und qualvoll sich bei ihm dieser Prozeß der
gleichzeitigen Identifikation und Ablösung/Überwindung vollzogen hat - und
wohl auch noch vollzieht. Gerade das aber macht die von Wetzel gewonnenen
Erkenntnisse und Einsichten so überzeugend und bedeutungsvoll.
Dies betrifft insbesondere ein Gebiet, das von zentraler Bedeutung für den Ausgang des Ringens um die Abwendung der Welt-Kriegsbedrohung ist:
der Tatbestand, daß gerade angesichts dieser Gefahr der Zusammenschluß
aller linken Kräfte geboten und die Frage Krieg-Frieden auch besonders objektiv
und subjektiv geeignet ist, eine solche Vereinigung der Kräfte zu befördern;
daß aber gerade in dieser Frage die Spaltung besonders deutlich wird und sich
-trotz wachsender Einsicht über die kriegstreibenden Kräfte bei weiten Kreisen der Bevölkerung- noch dramatisch verschärft. Das -nach meiner Einschätzung- besonders bedenkliche Phänomen ist, daß viele Linke diese Gefahr nicht oder nur unzureichend erkannt haben.
( Dies zeigt sich beispielsweise in der positiven Resonanz auf das "Empire"
von Hardt/Negri - mit dem ich mich in "Neue WeltKriegsOrdnung" umfassend
auseinandergesetzt habe- in dem eine "theoretische" Fundierung dieser
"linken" Kriegsbefürwortung erfolgt, welche infolge des Bekenntnisses der
Verfasser zum Kommunismus und zu Marx eine besonders demagogische
Note und desorientierende Wirkung erhält.)
Auf diesem Gebiet herrscht Hilflosigkeit sowie das Streben nach Verdrängung
vor. Die wirkliche Auseinandersetzung um diese schwerwiegende Problematik
wird innerhalb kleiner Zirkel und Gruppen geführt und führt zumeist mehr zur
Verstrickung als Klärung. Die Spitze dieses Eisberges ist sichtbar geworden
in den Debatten innerhalb der Zeitschrift "konkret" - allerdings auch hier mehr
implizit als explizit- sowie auf dem im Januar 2002 durchgeführten "konkret"-
Kongreß "Deutschland führt Krieg", herausgegeben von Jürgen Elsäßer (KVV konkret Hamburg). Während auf diesem Kongreß der lautstarke Repräsentant
der bellizistischen Linken (der Kriegs-Linken) Thomas von Ostensacken eine
Minderheitenposition vertreten hat (siehe S.215 ff.in diesem Sammelband), ist inzwischen diese Richtung in der Zeitschrift so dominant geworden, daß Jürgen Elsäßer sich zu einer Trennung von "konkret" genötigt sah. Während diese Polemik relativ offen und damit nachvollziehbar geführt wird, gibt es offenbar eine sehr viel
breitere und schwer erfaßbare und angreifbare "Dunkelzone" der potentiellen und
tendenziellen Wirkung eines linken Bellizismus in solchen linken Strömungen, die sich außerhalb einer solchen Gefahr wähnen und deshalb Warnsignale aus ihren eigenen Reihen nicht wahrnehmen.
So hat beispielsweise der damalige Geschäftsführer der PDS Dietmar Bartsch
in einem Interview im "Neuen Deutschland" am 29.September 2001 auf die
Frage, ob es für ihn ein Problem sei, daß die PDS von Friedensinitivativen und
-forschern wegen bestimmter ambivalenter Stelllungnahmen (vor allem von
Gregor Gysi) kritisiert wird, geantwortet: "Man muß aufpassen, daß aus
Friedensbewußtsein keine Arroganz wird". Sodann nimmt Bartsch die US-Führung
in Schutz vor Genossen seiner eigenen Partei, die bereits zu diesem Zeitpunkt
keine Illusionen im Hinblick auf die Kriegspläne der Bush-Administration hatten.
"Für mich ist es allerdings letztlich menschenverachtend, wenn jemand praktisch
noch im Moment der Katastrophe alles genau weiß, einschließlich der Ursachen
und der Folgen. Inzwischen sind mehr als 14 Tage vergangen; die befürchteten
Racheaktionen der USA hat es trotz inakzeptabler Reden bisher nicht gegeben."
Bartsch hat sich meines Wissens für seine bösartige Beleidigung kritischer
Parteimitglieder, welche die Entwicklung vorausgeahnt haben, nie entschuldigt.
Er hat auch nicht Stellung zu seiner Entgleisung und zu den Ursachen der
totalen Fehleinschätzung auf Grund seiner Illusionen gegenüber der US-Führung
genommen. Weit bedenklicher allerdings ist, daß diese Stellungnahme von
Bartsch damals hingenommen und bis heute nicht thematisiert worden ist.
( Die Entschuldigung des Fraktionsvorsitzenden Roland Claus gegenüber
dem Präsidenten Bush wegen der Protestaktion dreier PDS-Abgeordneten
auf der Bundestagssitzung Ende Mai hat demgegenüber Diskussionen
ausgelöst, aber auch keine wirkliche Klärung herbeigeführt.) Offenbar rührt dieses
Manko daher, daß die PDS-Führung und die Basis sich des Charakters ihrer Partei als Friedenspartei so sicher sind, daß sie gegenüber Anzeichen für eine potentielle Gefährdung dieser Funktion - die man ja angesichts der extremen Gegengewichte immer wieder verteidigen und festigen muß, um sie bewahren zu können- ungenügend vorbereitet und reaktionsfähig ist. Dies ist nur ein Beispiel für den "Eisberg" einer zumindest inkonsequenten und von Illusionen gegenüber der "Kriegspartei" getrübten Haltung innerhalb der Friedensbewegung.
Und gerade auf diesem Gebiet erweist sich Wolf Wetzel als besonders kompetent
und seine Schrift als eine vorzügliche analytische und argumentative Hilfe.
Wetzel hat den gesamten "Linken Bellizismus" im Blick, setzt sich aber insbesondere mit der Spezis der "Anitideutschen" auseinander, die ihm aus unmittelbarer Konfrontation besonders vertraut ist.
Die Untersuchung dieses Phänomens setzt der Autor bei dessen erstem
deutlichen Zutagetreten 1991 an.
"Der Exodus vor allem namhafter deutscher Linker begann mit dem US-alliierten Krieg
gegen den Irak 1991. Die Reihe linker KriegsbefürworterInnen reichte von Hans Magnus Enzensberger, Wolf Biermann, Detlev Claußen, Dan Diner bis hin zum Konkret-Herausgeber Hermann L.Gremliza und seinem Hausautoren Wolfgang Pohrt. Die Konversion antifaschistischer Argumentation in waffenfähiges Kriegsgerät für einen stinknormalen imperialistischen Krieg bediente sich vor allem zweier Gedankengänge, die auch für die Befürwortung der folgenden US-alliierten Kriege Verwendung fanden:
Im Mittelpunkt stand die angenommene existentielle Bedrohung des Staates Israel durch
den Irak. Antisemitismus, machtpolitisches Kalkül und die Erinnerung an den Holocaust
wurden kurzgeschlossen, die `Endlösung` der Judenfrage im NS-Staat wurde mit der
Politik Israels gleichgeschaltet. Dazu exportierte man den deutschen Faschismus nach
Irak, machte aus dem `Hundesohn des Westens` `Hitlers Wiedergänger`, aus der
irakischen Armee eine SS-Sturmtruppe und Leibgarde. Auf der anderen Seite dieser
Bühneninszenierung traten die US-Alliierten als Befreier auf, die den militärischen Sieg
über das Nazi-Deutschland im Irak nachspielen sollen.
Zum Ersatz oder komplimentär wurde eine zweite Bühne aufgebaut. Der Präsident des
Iraks, Saddam Hussein wurde als barbarischer `Schlächter` präsentiert.. Aus der Reihe
umgänglicher und nützlicher Diktatoren verbannt, rief man zu seiner Beseitigung auf,
als Tyrannenmord kostümiert. Der Gegenbild war darin bereits eingezeichnet:
Der `zivilisatorische Westen`, der bei aller Kapitalismuskritik angesichts solch drohender
Barbarei verteidigt werden muß. Beide Denkfiguren linker KriegsbefürworterInnen werden
wir in dem in Afghanistan begonnenen Weltkrieg wiederbegegen." (S.171 f.)
Diese Argumentation wird auf die Spitze getrieben durch die Behauptung,
daß Israel durch die arabische Welt und den Islamismus ein neuer Holocaust
drohe. Wetzel zitiert aus der linken Zeitschrift "Bahamas":
"Es ist hier ein zur Vernichtung entschlossener Antisemitismus am Werk - darin seinem
nationalsozialistischem Vorbild auf qualitativer Ebene durchaus ebenbürtig -, der die Wahl-
und Maßlosigkeit palästinensischen Massenmordens begründet. In dieser Hinsicht kommt
momentan dem Koran eine ähnliche Rolle zu wie seinerseits Hitlers Machwerk `Mein Kampf`
in Deutschland." (S.185)
Wetzel stellt hierzu - unter Bezugnahme auf einen Artikel in der Libertad-Zeitung 10/2001- fest:
"In diesem paraoiden Weltbild `kämpfen immer dieselben Allierten gegen immer dieselben
antisemitischen Barbaren und versuchen dabei, immer dieselben Opfer - die des Holocaust -
zu retten." (Ebenda).
Der Autor argumentiert und polemisiert nicht nur gegen diese bellizistische
Position. Zur Analyse wird seine Betrachtung dadurch, daß er diese Auffassung
und Haltung hinterfragt, nach Ursachen in der Entwicklungsgeschichte der radikalen Linken sucht und verallgemeinernd einschätzt.
Eine der Ursachen sieht Wetzel in dem Sachverhalt, daß diese Linken sich traditionell mit jenen Opfern von US-Aggressionen solidarisch verbunden fühlten,
die sie als politisch nahestehend betrachteten (wie Vietnam oder andere progressive Strömungen der nationalen Befreiungsbewegung) - daß sie also
ihre Gegnerschaft gegenüber den USA und anderen Großmächten vom Charakter
der Opfer (bzw. ihrer Einschätzung dieses Charakters) abhängig gemacht haben.
Bei der nunmehr vollzogenen radikalen Wendung von der Solidarisierung mit den
Opfern der Aggression zur Solidarisierung mit dem Aggressor sieht Wetzel als
eine Ursache die Enttäuschung im Hinblick auf frühere Solidarisierungsaktionen.
"Die Enttäuschung in der antiimperialistischen Solidaritätsarbeit war .. so groß, daß sie erst gar nicht mit den eigenen (gescheiterten) Kämpfen in Beziehung gesetzt wurde. Nicht alles,
was man in die Befreiungsbewegung hineinprojizierte, hatte etwas mit den realen Kämpfen
und Kräfteverhältnissen dort zu tun. Nicht alles, was in diesen Befreiungskämpfen auf der
Strecke blieb, war dem Imperialismus geschuldet. Einiges wurde eigenhändig zu Grabe
getragen. Und auf die allermeisten Schwierigkeiten, auf die der bewaffnete Kampf erst nach
dem Sieg stieß, hatten weder die Befreiungsbewegungen dort, noch die radikale Linke hier
eine bessere Antwort. Die Gefahr, diese Fehler zu wiederholen, ist nicht groß - wenn man
sich die Kriegsgegner der USA und NATO im Irak, im Irak, in Jugoslawien und Afghanistan
vor Augen hält, ist nicht groß. Doch der Verlust ist größer." (S.197 f.)
Aus dieser Feststellung leitet Wetzel eine grundlegende Schlußfolgerung in
Richtung auf eine tiefergehende Selbstbestimmung der Linken im Hinblick
auf ihren Anti-Imperialismus ab:
"Was bleibt ist die schmerzliche Gewißheit, daß ein Antiimperialismus, der sich nicht
über die Opfer bestimmt, ein eigenes Verhältnis fordert. Sich dazu auf den Weg zu machen,
hieße, einen Antiimperialismus zu begründen, der auf der eigenen Gegnerschaft fußt - egal,
wen die USA und die NATO zum Feind erklären. Dabei wird man zuallererst auf die eigene
politische Ohnmacht stoßen, die mit den gesellschaftlichen Verhältnissen hier mehr gemein
hat, als es manch radikale Analyse vermuten läßt." (S.198)
Als notwendige Voraussetzung für einen solchen fundierten Anitiimperialismus
sieht Wetzel eine differenzierende Analyse, mittels derer vergröbernde
Denkschablonen überwunden werden. Gerade als solche Vergröberungen und
Verzerrungen charakterisiert er das auf die Opfer der US-Aggressionen fixierte
Feindbild der von ihm kritisierten Linken - speziell der "Antideutschen". Deren
Weltsicht charakterisiert Wetzel folgendermaßen:
"Sie ist eindeutig, klar, wie ein gerader Strich, von der deutschen Nazivergangenheit zum
Horizont des bald Drohenden gezogen, ohne Bedenken, Brüche, Widersprüche, Zweifel
und Ungewißheiten - und Scham vor historischen Relativierungen. Eine Welt, so dichotom
wie schlicht. Da ist zum einen Deutschland, von oben bis unten, von links bis rechts, von
Frau bis Mann volksgemeinschaftlich geeint und zur Wiederholung nazistischer Verbrechen
bereit. Und auf der anderen Seite Israel, Heimstätte der Opfer des Holocaust und finaler
Endpunkt des eliminatorischen Antisemitismus. Israel, Ort jüdischen Daseins, das abermals
kurz vor der Auslöschung steht - was mit allen Mitteln verhindert werden muß. Eine
weltpolitische Lage, die die 40er Jahre nachstellt und zu entsprechend regressiven
Schlußfolgerungen führt: Bühne frei für die US-allierten Befreier." (S.169 f.)
Dieser dogmatisch angelegten Unfähigkeit zu konkret-historischem Herangehen
und differenzierender Analyse stellt Wetzel seine eigene Sicht entgegen. Die Produktivität und Kreativität seines Herangehens wird daran deutlich, daß er die Schwierigkeit des Weges zur Wahrheit und damit die eigene Unvollkommenheit offen bekundet. Seine Kritik richtet sich vor allem darauf, daß dem gegenüber diese bellizistische Linke sich im Besitz einer definitiven Wahrheit wähnt und sich damit jeglichem Lernprozeß versperrt.
"Wir teilen die Kritik an einem Antiamerikanismus und haben Angst, (wieder und anders)
von Imperialismus zu sprechen. Wir spüren das heillose Durcheinander vieler Überlegungen,
die Unmöglichkeit, diese in eine tragfähige Analyse und Strategie zu übertragen. Uns fehlt
die Praxis, in der unsere Gegnerschaft erlebbar wird und der die Entwicklung einer Theorie
Anteil hat. Von all dem scheinen sich die antideutschen Positionen `befreit` zu haben.
Sie haben sich in eine weltpolitische Lage hinein hallizuniert, in der jede radikale Opposition
zu spät kommt, in der ihr eigenes Handeln und Tun bedeutungslos wird, angesichts der
Zuspitzung,auf die nur noch die US-Alliierten eine Antwort haben. Sie verknüpfen ihre eigene totale Entpolitisierung mit einer Militarisierung, den den US-Allierten Bombern folgt." (S.170)
Wetzel schildert auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrungen und Bemühungen
die Mühsal jener konseqenten Linken, die nach praktischer Handlungsfähigkeit und theoretisch begründeter Einsicht suchen:
"Die radikale Linke hat große Mühe, sich ein einigermaßen überprüfbares Bild von dem
Krieg in Afghanistan und den kommenden Kriegen zu machen. Kleine Teile der Anti-
Kriegsbewegung unternehmen zaghafte Schritte, um aus der humanitär und pazifistisch
geprägten Haltung `Stopp den Krieg` herauszutreten. Meist sind es kleine Aktionen, mit
denen man der ungeheuer tief sitzenden Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit zu entgegnen
versucht. An dieser und jener Ecke der radikalen Linken wird das Analysewerkzeug der letzten 20 Jahre überprüft, Verbindungslinien zwischen `Genua` und `Kabul` gezogen,
Zusammenhänge zwischen metropolitanem Frieden und peripherem Weltkrieg erwogen.
Nicht minder schwierig und zeitraubend sind die Bemühungen, die unterschiedlichsten
Erfahrungshorizonte anzunähern, d.h. in der Regel von sehr wenig Gemeinsamkeit
auszugehen. All das klingt nicht wirklich einladend." (S. 190).
Diesem schwierigen und komplizierten Bemühen stellt Wetzel das Herangehen
der "antideutschen" Bellizisten gegenüber:
"Wie schön ist es hingegen, antideutsch zu sein. Alles scheint auf der Hand zu liegen:
Sie wissen, wem die Anschläge vom 11.9.2001 `eigentlich` galten. Sie wissen, wer dafür
verantwortlich ist. Sie haben den Islam als Wiedergänger des Nationalsozialismus entlarvt
und wissen, was jetzt zu tun ist: `Die USA, die von Linken oft zu Recht wegen ihrer
Interessenpolitik angegriffen wurden, sind die einzige Macht dieser Welt, die zu einem
Gegenangriff im Moment in der Lage ist.` (Andrea Albertini, Jungle World vom 17.10.2001).
Während die (radikale) Linke nach bescheidenen Interventionsmöglichkeiten Ausschau
hält, winken Antideutsche völlig entspannt US-alliierten Bombern zu und beweisen sich
als wahre Ledernacken. Sie wissen nicht nur, was zu tun ist, sie gehen sogar voran, sind
in Gedanken schon längst im Irak einmarschiert, während sich die US-Alliierten ins Hemd
machen. Ja, das sind deutsche Helden. So wissen die Jungle-World und Konkret-Autoren
Thomas Uwer und Thomas v.d.Osten-Sacken von all den Weicheiern zu berichten, die einem Krieg gegen den Irak abwartend bis skeptisch gegenüberstehen. Mit echtem
Mitgefühl sorgen sie sich um die `Falken` in der US-Kriegsadministration .. und rechnen
ab: Mit dem `Establishment` in den USA, wo sich `der radikalste Flügel der Antikriegsbewegung` eingenistet hat, mit der SPD, die `einen Militärschlag gegen den
Irak verurteilte`, mit der Friedensbewegung, die `im Bundesverband der Deutschen Industrie
einen starken Fürsprecher findet`, mit dem Rest der Welt. Alle, bis auf die `Falken` und die
zwei Kriegsautoren, haben an der `militärischen Zerschlagung des irakischen Baath-Faschismus` (Jungle World vom 28.11.2001) kein Interesse.. Zu diesen Lederjacken-Imitaten darf sicherlich auch Matthias Küntzel gezählt werden, der ganz kurz links antäuscht,
um schließlich ganz rechts, am US-alliierten Kriegsstab vorbei, wieder einzuspuren:
`Selbstverständlich müssen die amerikanische und britische Politik weiterhin kritisiert werden. Jedoch nicht deshalb, weil sie die Djihadisten verfolgt, sondern weil sie diese
nicht zielgenau und konsequent verfolgt.` (Konkret 11/2001)" (S.190 f.)
In diesem Kontext wirft Wetzel die Frage nach dem politischen Charakter
der linken Bellizisten -speziell ihrer "antideutschen" Variante"auf:
"Wenn man sich die Stellungnahmen, vor allem deren Schlußfolgerungen vor Augen hält,
fällt es schwer, antideutsche Positionen überhaupt noch mit Antikapitalismus und Anti-
Imperialismus in Verbindung zu bringen. Es gehört also schon eine gute Portion Spiritualität
dazu, trotz alledem daran zu erinnern, daß sie sich selbst als schärste KritikerInnen des
Kapitalismus verstehen - und ihre Kriegsbefürwortung mit der Parole `Für den
Kommunismus` ausklingen lassen. Wie kriegen es also Antideutsche hin, einerseits mit
den mächtigsten Kernländern des Kapitalismus, mit den führenden imperialistischen Staaten in den Krieg gegen den `islamistischen Terror` zu ziehen und gleichzeitig ihre schärfsten
KritikerInnen zu bleiben? Was gemeinhin für unmöglich gehalten wird, gelingt unter Zuhilfenahme bürgerlicher Zivilisationstheorien durchaus... Ein Imperialismus, der als
Terminator rückständiger Verhältnisse zum Wegbereiter des Fortschritts avanciert.
Daß diese US-alliierten Kriege, als historisch notwendige Etappe eingeordnet, das Tor
zum Kommunismus aufstoßen, ahnen die US-Alliierten gar nicht - einige Antideutsche schon. Im antideutschen Kriegsdiskurs taucht noch eine zweite, eine Imperialismus-Light-
Version auf.. In dieser Version hält man kapitalistische und imperialistische Interessen für
durchaus denkbar, aber als Maßstab für radikale Opposition jetzt nicht entscheidend.
Man.. erklärt die Konstellationen des Zweiten Weltkriegs - ohne den geringsten Reibungsverlust - zum Jetzt-Zustand. Dann kämpft man in imaginärer Linie mit der
französischen Resistance, mit den PartisanInnen in Jugoslawien und Italien, mit den
Imperialismen zusammen gegen noch Schlimmeres, um die bloße Möglichkeit der
Emanzipation zu retten." ( S.188 f.)
Die Gegenüberstellung der konstruktiven Herangehensweise jener linken Strömung, der er sich zugehörig fühlt, zu dem destruktiven Herangehen der linken Bellizisten -
speziell der "Antideutschen"- wird von Wetzel nicht nur allgemein proklamiert,
sondern auch konkret praktiziert, und damit exemplarisch demonstriert.
So setzt sich der Autor eingehender mit der Verteufelung des arabischen
Widerstandes gegen die israelische Expansionspolitik auseinander:
"Wer die `ganze arabische Welt` so zeichnet, wer sich nicht für die Brüche, Widersprüche
und Gegnerschaften interessiert, dem geht es nicht (mehr) um gesellschaftliche und
politische Prozesse, die beeinfluß-und veränderbar sind. Der will etwas zu Ende bringen,
festschreiben, homogenisieren, zu Kultur und/oder (zweite) Natur werden lassen, was in
einer Katastrophe münden muß, wenn nicht von `außen` zivilisierend eingegriffen wird.
Daß sie damit die `abendländische Zivilisation` beauftragen, weiß man. Daß ihnen dabei
weder ideologiekritisch noch kolonial-geschichtlich etwas einfällt, ist beschämend. Sie
setzen ganz still und dreist auf das über Jahrhunderte hinweg fürs Abendland geprägte
Bild vom `barbarischen` und `unzivilisierten` Orient, für dessen Missionierung nun auch
antideutsche Kontingente bereitstehen. Damit sind die Weichen für einen `Kampf der
Kulturen` gestellt, für einen Krieg des `freien Westens` gegen den `islamistischen
Terror`." (S.182 f.)
Alternativ hierzu fordert Wetzel eine differenzierte Analyse, welche der Beantwortung konkreter Fragen dient.
"Es gehört schon viel Dreistigkeit dazu, die unterschiedlichen Beweggründe, Ziele und
Vorstellungen innerhalb des palästinensischen Widerstandes so zusammenzukochen,
daß am Ende nur `Auschwitz` stehen kann. Man kann es für Dummheit oder Absicht
halten, wenn dabei die verschiedenen Phasen des palästinensischen Widerstandes
mit keinem Wort Erwähnung und Berücksichtigung finden. Würde man den kerzengeraden
Frontverlauf antideutscher Krieger verlassen, wäre man zu aller erst mit der eigenen
Unkenntnis konfrontiert, mit der Schwierigkeit, klare Antworten oder kluge politische
Lösungen zu finden. Wo hört Widerstand gegen die israelische Besatzungsmacht auf?
Wo fängt Antisemitismus an? Welche (Neben/Haupt-)Rolle spielen die `biblischen Grenzen`
Israels im national-religiösen Selbstverständnis? Welche Bedeutung hätte ein palästinensischer Staat als (un-)sichere Grenze zu Israel? Was unterscheidet Israel
als jüdischen Staat von islamischen Vorstellungen innerhalb des palästinensischen Widerstandes (Hamas)? Wie viel reaktionäre Gesellschaftlichkeit verbindet beide miteinander?" (S.186)
In eine solche Analyse muß auch eine konkret-historische und differenzierende
Sicht auf Israel einbezogen werden, die nicht durch Tabus abgeblockt wird.
Wetzel verweist darauf, daß eine neue Generation israelischer Historiker auf der
Grundlage ihrer Forschungsarbeit ab Mitte der achtziger Jahre sich über Tabus
hinwegsetzt und einige zentrale zionistische Erzählweisen in Frage stellt.
Der Autor benennt einige der Legenden und Mythen, welche damit widerlegt
werden und fordert die Linken dazu auf, solche Einsichten zu nutzen, um
eigene Denkschablonen zu überwinden.
"Mit diesen politischen Neubestimmungen schwimmen die neuen HistorikerInnen nicht
nur gegen den Mainstream in Israel. Die Anerkennung und Beachtung dieser Anstrengungen
würden auch in der deutschen Linken dazu beitragen, endlich das Opfer-Täter-Schema zu
überdenken bzw. als politische Kategorie zu verwerfen. Daß eine ähnlich weitreichende
Auseinandersetzung mit der palästinensischen Opfergeschichte und den nationalen Mythen
um Palästina aussteht bzw. auf eine Mauer des Schweigens innerhalb des palästinensischen
Widerstandes stößt, gehört auch gesagt und bedauert. Beides zusammengenommen und
aufeinander bezogen gedacht, böte die Chance, nicht länger die Opferpyramide rauf- und
runterzustürzen. Damit wäre Platz geschaffen, in Israel und Palästina nach politischen,
emanzipatorischen Prozessen Ausschau zu halten, die sich der militärischen und nationalistisch-religiösen Logik (beider Seiten) widersetzen. Die sich darum bemühenden
Gruppen und Organisationen sind sowohl in Israel, als auch in den palästinensischen
(Autonomie-)Gebieten ohne große politische und gesellschaftliche Bedeutung. Mit ihnen
solidarisch zu sein, hieße, ganz bescheiden, den langen Weg gesellschaftlicher Veränderungen zu teilen. Dafür sind Antideutsche nicht zu haben. Wer Auschwitz fernab
vom eigenen Zuhause verhindern will, hat keine Zeit mehr, hat es ganz eilig, kann nicht
warten, hat keinen langen Weg vor Augen, sondern den Abgrund." (S.187 f.)
In seinen Versuch einer komplexen Analyse schließt Wetzel die Untersuchung traditioneller Denkschablonen ein, die - in gewendeter Form - eine ideologische Quelle des aktuellen linken Bellizismus sind. Dazu gehört die "David/Goliath-
Schablone" einer Reduzierung der eigenen Position auf eine (mehr oder weniger
willkürliche) Opfer-Solidarisierung. (Siehe S.186).Der willkürlichen und verzerrten Fixierung und Bestimmung der Opfer auf der einen Seite entspricht die vergröbernde und teilweise maßlose Sicht auf die Täter, die ihre extreme Form
in willkürlichen Parallelen zum Faschismus gefunden hat.
"Zu oft hat die radikale Linke in den letzten 30 Jahren zur Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen beigetragen. Zu oft wurde die moralische Legitimation
zum Widerstand geborgt, indem man den politischen Gegner mit Nazianalogien belegte:
Das reicht von der Anti-Vietnam-Parole `USA-SA-SS` bis hin zu einer Palästina-Solidarität,
die den ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Begin mit Hitler, die Vertreibung von
PalästinenserInnen mit dem Holocaust gleichzusetze suchte." (S.185)
Wetzel wendet sich also nicht nur dagegen, daß die linken Bellizisten das
frühere Täter-Opfer-Schema umgekehrt haben. Seine Polemik richtet sich
gegen dieses Schema generell und insbesondere gegen dessen maßlose Überhöhung, welche sich aber aus der Eigenart dieses Schemas selbst ableitet.
Als Alternative hierzu fordert der Autor, daß die Linken sich der schwierigen
und schwerwiegenden Arbeit analytischen Denkens unterziehen.
Diese Forderung bezieht er auch auf die Imperialismus-Problematik generell.
"Viele haben Angst und Bedenken, in diesem Zusammenhang von Imperialismus zu
reden. Das liegt nicht nur an der Schwierigkeit, den Begriff inhaltlich zu füllen. Das hat
auch vielmehr damit zu tun, daß man bereits auf den Kapitalismus keine Antwort hat.
Doch wer stattdessen von Globalisierung und Neoliberalismus redet, sollte tunlichst
vermeiden, vor unscharfen und untauglichen Begriffen zu warnen. Zu Recht steht der
Begriff Imperialismus im Verdacht, für ein verkürztes Politikverständnis zu stehen.
In den 70er und 80er Jahren haben ihn viele benutzt.. All zu oft wurde darunter ein
Stadium kapitalistischer Entwicklung verstanden, in der alles auf eine militärische
Lösung zulaufe, in der politische Konflikte gewaltsam unterdrückt werden, in der der
Reformismus seine Integrationskraft für breite Teile der Bevölkerung verloren habe.
Mit dieser Imperialismusanalyse wollten einige dem legalen Kampf nur noch eine
geringe Bedeutung, dem Aufbau illegaler Strukturen, dem bewaffneten Kampf höchste
Priorität geben. Mit dieser Imperialismusanalyse wurde die Komplexität der Verhältnisse
nicht sichtbar gemacht, sondern zum Verschwinden gebracht.. Einige haben für diese
Analyse mit dem Leben bezahlt, nicht wenige bekamen dafür jahrelange Knaststrafen
und ganz viele kehrten schleunigst in Verhältnisse zurück, die so unerbittlich gar nicht
waren." (S.199)
Von dieser Warte warnt der Autor davor, die Kriegspolitik der USA zu simplifizieren
und den US-Präsidenten auf einen Cowboy aus Texas zu reduzieren. Wetzel
fordert dazu auf, die ganze Kompexität der expansiven und aggressiven Politik
der USA analytisch zu erfassen, einschließlich der Anwendung eines vielgestaltigen politischen Instrumentariums durch die US-Administration. (Siehe S.200 f.)
Abschließend stellt Wolf Wetzel fest, daß die Antikriegsbewegungen der letzten
zehn Jahre an einem Scheidepunkt stehen.
"Wollen wir nur die zivilen Opfer, die Unmenschlichkeit eines Krieges beklagen, um Frieden
in einer imperialen Weltordnung zu suchen, die auch ohne Bomben mörderische Auswirkungen in den meisten Teilen dieser Welt hat? Wollen wir weiterhin unser eigenes
Verhältnis zur US-und NATO-Politik davon abhängig machen, daß wir uns mit den Opfern
dieser Kriege identifizieren können? Wollen wir weiterhin nach Afghanistan schauen, um uns
davor zu schützen, daß die politischen und militärischen Bedingungen für dieser Kriege
hier geschaffen werden?.. Wie sähe eine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus, am
Imperialismus aus? Wie müßte ein Widerstand aussehen, der nicht nur die Verschuldung
der Dritten Welt vor Augen hat, sondern auch die sie tragenden ökonomischen und
gesellschaftlichen Verhältnisse hier?.. Welche Vision, welche Utopie von einer anderen
Welt, einer anderen Gesellschaftlichkeit haben wir, wenn es uns darum geht, nicht die
Krisenhaftigkeit, sondern den Kapitalismus selbst zu überwinden?" (S.202 ff.)