Bei unrast:

Ja, ja die Autonamen...

Düsseldorfer Stadtzeitung für Politik und Kultur

Düsseldorfer Stadtzeitung für Politik und Kultur Nr. 9 / 1997

Books Ja, ja die Autonamen...
Seit einiger Zeit machen die Autonomen mehr mit dem Schreiben über sich von sich reden; als durch eigene Aktionen. Könnte man meinen. Kleine Lesetips nun dazu ? natürlich völlig 'autonom gewichtet...

Glut &,Asche
Ein schon in die Jahre gekommener Berliner Autonomer hat sich vor einigen Jahren hingesetzt, mit Freundinnen und Genossinnen über die Entwicklungen der autonomen Szene diskutiert, und herausgekommen ist dann mit “Feuer und Flamme" das beste Standardwerk über die Autonomen .von einem Autonomen. Nun hat der Kerl, der mit der Adaption des Namens eines ehemaligen WG? Köters schon öfter im Rampenlicht stand, noch einmal Stift und Papier in die Hand genommen und wohl überlegt, wie sein bisheriges politisches Leben verlaufen ist und, warum “die Autonomen" nicht mehr so attraktiv sind, wie sie es mal waren. Herausgekommen ist diesmal eine der klügsten. Kritiken, die eine Beschreibung und Analyse linksradikaler Bewegungspolitik mit solidarischem Impetus von innen heraus momentan wohl leisten kann. Der deskriptive, romanhaft?erzählerische Schreibstil des Autors verliert trotz Holprigkeiten und eines oft furchtbar :mißlungenem Satzbaus nichts von seiner Spannung, und seiner Intention: Nämlich zu rütteln an der linksradikalen Schrebergartenmentalität, an sektenhaften und ausgrenzenden Identitätskonstrukten, an der grausamen Geschichtslosigkeit, Kontinuitätslosigkeit und Lebensphasenaktionismus, an Rehflexionslosigkeit und fehlendem dialektischem Verstand sowie der unterentwickelten Fähigkeit zu Toleranz und geistiger Flexibilität.
Sicher, Kritiken und Verrisse autonomen Habitus' und autonomer. Praxis kriegen wir von allen Seiten serviert' und jeder dritte Neurotiker darf schon eine Diplomarbeit darüber schreiben oder als distanzierter ehemaliger Zeitzeuge hämische oder moralisierende Ergüsse dazu in Zeitschriften. mit hohen Auflagen zum Besten geben.
Das hat aber nix mit dem Buch zu tun, denn hier wird nicht mit Freude auf “tote Hunde" eingetreten, sondern kritisiert. Jenseits peinlicher Elsässerei oder der glücklichen Ankunft in den gemütlichen Sesseln unserer FDGO?Kaste wird sich hier solidarisch mit den Mängeln und Fehlleistungen linksradikaler Politik auseinandergesetzt. Das nimmt der Kritik allerdings nicht die Schärfe, denn ich habe bisher wenig Vergleichbares von Leuten gelesen, die immer noch mit in der ersten Reihe stehen und gleichzeitig die Größe aufbringen, sich derart (selbst?)kritisch offen den heiklen linksradikalen p.c.? und Identitätsmechanismen zu widersetzen und für Nachdenken und Veränderung zu kämpfen. Man muss beileibe nicht allen Positionierungen des Autors zustimmen, um den Wert dieses Buches anzuerkennen, denn hier geht es einzig um die Öffnung für einen Disput, (...) vor allem um die Fähigkeit zur Reflexion und Weiterentwicklung. Anregungen zum Disput werden zuhauf geliefert: Seien es die “großen" Aktionen wie NOlympia oder der Autonomie?Kongress, oder tragische Ereignisse wie Bad Kleinen oder der “Kaindl?Fall", seien es “heiße" Themen wie die sog. Patriarchatsdebatte oder die aufkommende linksradikale Sympathie mit dem Sozialstaat. Hier wird Stoff geliefert, den es zu benutzen gilt, wenn der Spruch stimmt, daß der Kopf rund sei, damit das Denken die Richtung ändern könne.

Autonomie?Kongress
Worüber unterhalten sich Autonome? Was bangt über zweitausend Linke zusammen? Nachdem der Autonomie?Kongress nun schon ? in Bewegungszyklen gedacht ? lange Geschichte ist, haben es ein paar, die sich zwischendurch noch verstristen haben, nicht lassen können, Abläufe und Inhalte für die Nachwelt zu dokumentieren. Eigentlich eine vernünftige Herangehensweise, aber die Scheu vor internem Verriss hat es wohl verschuldet, daß der Mindestanspruch der Dokumentation nicht überschritten wurde, um sich in das tosende Meer der Debatte zu begeben. So bleibt leider nicht mehr übrig als die Nachlese von etwas, was die meisten Teilnehmerinnen schon vergessen haben...

Die Autonomen
Was ist das? Nun, wen's interessiert und wer sich naht die Mühe machen will, Joachim Hirsch, die alten “Autonomie"?Hefte, die umfangreichen Dokumentationsbände des ID?Archivs über die militante Linke und anderes zu lesen, dem wird's durch die veröffentlichte Diplomarbeit eines “17 ° C"?Schreibers deutlich vereinfacht. Hier steht nämlich ? wild durchgemixt und mit einem beruhigendem Schuss p.c.Linksfeminismus angereichert ? alles für die gepflegte Szenendiskussionen oder für die Hausarbeit zum VorDiplom drin. Bei gründlicher Lektüre kann mit dezenten historischen Kenntnissen und Zusammenhängen Intellektualität demonstriert werden, ohne jemanden weh zu tun öder gar negativ aufzufallen. Standardaussagen zu Verfehlungen von Achtziger?Autonomen, Neunziger?Antifas und Macker?. Verhalten werden mundgerecht serviert und die Kurz?Chronologie linksradikaler Entwicklung bietet zudem die Möglichkeit, bei denen zu glänzen, die von den Autonomen bisher nur den modischen Wandel von Schlabber?Öko über Punk und Rocker zur aktuellen Mischung aus Schwarz?Kapuze, Sonnenbrille (Ray BanVerschnitt) und Techno?Adaptionen mitbekommen haben. Trotz vielen Fremdwörtern leicht verdauliche Kost
ALC

Geronimo: Glut & Asche. Reflexionen zur Politik der Autonomen Bewegung. Unrast?Verlag, 1997, 24,80 DM
Autonomie?Kongress Nachbereitungsreader. Unrast?Verlag, 1997, 12,80 DM
Schulze/Gross: Die Autonomen. Ursprünge, Entwicklung und Profil der Autonomen, konkret-verlag, 1997