Bei unrast:

Vorwort zu Mythen, Masken und Subjekte

Kritische Weißseinsforschung in Deutschland

von Fatima El-Tayeb

Als im Jahr 2002 Kölner Kanak Attak Aktivisten dem ›Weißen Ghetto‹ Köln-Lindenthal einen Besuch abstatteten, stießen sie auf wenig Verständnis. Das gleichnamige Kanak TV Video dokumentiert die verwirrten bis aggressiven Reaktionen der ›bio-deutschen‹ BewohnerInnen, die von den Kanakstas über ihre mangelnde Integration und Selbst-Isolierung befragt wurden. Das Video entlarvt auf simple, aber effektive Weise unhinterfragte Machtstrukturen, indem es die Mehrheit, die ›Normalen‹ zum Objekt des kritisch-ethnologischen Blicks macht. Die ironische Umkehrung des Integrationsdiskurses legt den Fokus auf Weißsein als markierter Kategorie und gibt der Minderheit die Repräsentationsmacht, auf einmal ist es die dominante Mehrheit, deren Verhalten kritisch an etablierten Normen gemessen wird. Eine Strategie, an die mehrheitsdeutsche ZuschauerInnen offensichtlich nicht gewöhnt sind und die ablehnende Reaktionen auch bei denjenigen auslöst, die sich als sensibilisiert in Rassismusfragen empfinden: die Benennung ›rassischer‹ Unterschiede wird als Tabubruch empfunden, als umgekehrter Rassismus oder unangemessene Übernahme eines aggressiven US-amerikanischen Rassendiskurses. Stattdessen erscheint eine so genannte ›Farbenblindheit‹, ein ›ich sehe keine Unterschiede, für mich sind alle Menschen gleich‹ als politisch korrekte, kaum anzugreifende anti-rassistische Haltung. Es ist eben dieser liberale Diskurs, der es verbietet, die Position der dominanten Mehrheit zu relativieren, indem die Parameter ihrer Dominanz benannt werden. Rassismus als kritisiertes Phänomen bleibt so gebunden an und bestimmend für die Existenz von People of Color. Wenn eine Auseinandersetzung Weißer mit ihrem Weißsein stattfindet, wird sich meist von einem Rassismus distanziert, der entweder in der Vergangenheit oder bei anderen, weniger gebildeten/progressiven/weitgereisten Weißen verortet wird, aber sicher nicht innerhalb eines linken Diskurses oder der eigenen Identitätskonstruktion.
Das vorliegende Buch stellt sich diesem bewussten Wegsehen entgegen, indem es die Relevanz rassifizierter Hierarchien für die Struktur der gegenwärtigen bundesrepublikanischen Gesellschaft insgesamt aufzeigt. ›Rassen‹ sind zwar keine biologische Realität, das Rassenkonzept hat aber soziale, ökonomische, politische, psychologische Fakten geschaffen, hat nachhaltig und bis in die Gegenwart unsere Wahrnehmung der Welt strukturiert. Auch wenn die Unhaltbarkeit des Konstrukts menschlicher ›Rassen‹ wissenschaftlich inzwischen unumstritten ist, ist es im Alltag, auch im akademischen, nach wie vor ein zentrales, wenn auch nicht immer explizit benanntes Kriterium. Rassische Zuweisungen wirken sich täglich auf unzähligen Ebenen aus, beeinflussen banale zwischenmenschliche Interaktionen (und durchaus nicht nur, wenn Nicht-Weiße beteiligt sind), konstruieren unsichtbare, aber unüberwindliche Grenzen, zeigen sich in als selbstverständlich begriffenen, nicht einmal als solchen wahrgenommen Privilegien. Es liegt auf der Hand, dass ein derartig komplexes System nicht durch einen bloßen Willensakt unwirksam gemacht werden kann, selbst wenn ein entsprechender Wille vorausgesetzt wird, was durchaus keine Selbstverständlichkeit wäre. Eine als anti-rassistisch begriffene ›Farbenblindheit‹, die die Negierung von, oft als natürlich wahrgenommenen, Unterschieden als ausreichende Lösung begreift, ist so tatsächlich kontraproduktiv. Sie macht es doch zum einen unmöglich, den Prozess der Erziehung zur Wahrnehmung und Bewertung dieser Unterschiede zu analysieren und lässt zum anderen keinen Raum zur Benennung der Ursachen und Konsequenzen von Rassifizierungsprozessen, die sich nicht auf diese ›Unterschiede‹ zurückführen lassen. Konsequenzen zudem, die wirkungsmächtig bleiben, auch wenn sich die äußeren Formen der Implementierung der Rassenhierarchie ändern. Dass diese ›Farbenblindheit‹ schließlich gewöhnlich nur gegenüber Nicht-Weißen ins Feld geführt wird, macht vollständig ihre Einbindung in den Prozess der Normalisierung von Weißsein deutlich; einen Normalisierungsprozess, der immer nur die ›Anderen‹ als rassifiziert wahrnimmt und Rassismus so letztlich als an die Existenz dieser ›Anderen‹ gebunden betrachtet. Entgegen der landläufigen Meinung, dass Rassismus nur dann und dort existiert, wo als Nicht-Weiß Definierte präsent sind, ist es vielmehr die Präsenz sich als weiß definierender Bevölkerungen, die Rassismus produziert.
Das ist natürlich alles andere als eine neue Erkenntnis – zumindest für Minderheiten im weißen Westen, für die die Critical Whiteness Studies eine notwendige Überlebensstrategie darstellen. Ein ausdifferenzierter Rassismusbegriff, der Ursprung, Wirkung und veränderte Erscheinungsformen des Rassendiskurses ebenso analysiert wie er Verbindungen zu anderen Machtsystemen aufzeigt, ist so zumeist in Texten von People of Color zu finden. Spätestens seitdem W.E.B. DuBois, einer der wichtigsten US-amerikanischen Denker des 20. Jahrhunderts, sein bahnbrechendes The Souls of Black Folk mit einem Aufsatz zu »The Souls of White Folk« ergänzte,1 ist eine Dekonstruktion der pseudo-natürlichen Kategorie Weißsein Teil einer lebhaften intellektuellen Debatte, die bis in die Gegenwart fast gänzlich vom weißen Mainstream ignoriert wird.
Allerdings hat seit den 1990ern eine unter anderem von Peggy MacIntoshs Artikel »White Privilege. Unpacking the Invisible Knapsack« (1989) initiierte Umorientierung des weißen anti-rassistischen Diskurses weg von einer Identifizierung mit den ›Opfern‹ hin zu einer Analyse der eigenen Ethnisierung stattgefunden. In ihrem Beitrag in diesem Band gibt Susan Arndt einen informativen Einblick in die Entstehungsgeschichte und Methodik dieses neuen Forschungsfeldes, einschließlich der Probleme, die aus der Auffassung von Weißsein als überwindbarer Kategorie entstehen. Gutgemeinte Zurückweisungen weißer Privilegien können so, wie Arndt diskutiert, zu einer Analyse des Rassifizierungssystems führen, in dem nur die weiß sind, die es auch sein wollen – ein politischer Ansatz, der ungewollt genau die eigentlich abgelehnten weißen Privilegien fortschreibt.
Trotz dieser methodischen und inhaltlichen Probleme, die zu berechtigter Skepsis bei TheoretikerInnen und AktivistInnen of Color führten, stellen die Critical Whiteness Studies einen wichtigen, wenn nicht den wichtigsten Schritt aus der politischen Sackgasse dar, die Paul Gilroy 1992 als »the end of anti-racism« beschrieb2 – besser geeignet, das Rassenkonzept zu de-essentalisieren, als ein Festhalten am Sprechen für die unterdrückten ›Anderen‹, welches (inner)weiße rassifizierte Dynamiken unhinterfragt lässt. Trotz des nach wie vor verbreiteten Glaubens, Rassismus sei ein Phänomen, das für Deutschland, dank der mangelnden Präsenz von People of Color und der weitgehend fehlenden Kolonialgeschichte,3 nicht oder erst seit allerneuestem relevant sei, ist die Kritische Weißseinsforschung inzwischen auch hier angekommen.4 Schon seit einiger Zeit sind die vielfältigen Verbindungen von Weißsein und Deutschsein Thema bei AutorInnen mit migrantischem Hintergrund.5 Die Ergänzung dieses wichtigen Diskurses durch eine kritische weiße Perspektive ist nicht nur begrüßenswert, sondern überfällig. Allerdings verhindern strukturelle Rassismen, die von eben dieser neuen Forschung addressiert werden, oft noch einen gleichberechtigten Dialog, zu leicht werden Beiträge von Minderheiten sowohl instrumentalisiert als auch marginalisiert. Der vorliegende Band stellt den bisher deutlichsten Versuch dar, einen solchen Dialog für den deutschen Kontext zu initiieren. Masken, Mythen und Subjekte fasst aber nicht nur den Stand der Kritischen Weißseinsforschung in Deutschland zusammen, sondern schreibt sich auch in internationale Diskussionen ein. Hito Steyerls Überlegungen zur Farbmetaphysik des Kunstbegriffs, die um Konnotationen von White Cube und Black Box kreisen, öffnen ebenso neue Dimensionen des Diskurses um Weißsein wie Aischa Ahmeds Untersuchung des Themas passing im spezifischen Kontext der Bundesrepublik oder Nisma Cherrats Erfahrungsbericht einer Schwarzen Schauspielerin an deutschen Theatern.
Insgesamt lassen sich die AutorInnen nicht auf eine Sicht von Sinn und Zweck einer Kritischen Weißseinsforschung festlegen, nähern sich dem Thema aus literarischer, psychologischer oder linguistischer Perspektive. So folgt etwa Kien Nghi Ha den Traditionslinien des deutschen Kolonialismus bis in die Gegenwart, während Nicola Lauré al-Samarai eine kulturelle Topographie des Widerstands nachzeichnet und Jinthana Haritaworn die Ethnisierungspolitik weißer Queers und Feministinnen untersucht und nach produktiven Formen des weißen ›Rassenverrats‹ fragt. So bietet diese erste deutsche Anthologie zum Thema Weißsein Denkanstöße, die in diesen Zeiten der erneuten Normalisierung weiß-christlich-westlicher Dominanz mehr als nötig sind.

Fatima El-Tayeb, San Diego, Oktober 2005


ANMERKUNGEN
1 DuBois, W. E. B.: The Souls of Black Folk. Chicago: A. C. McClurg & Co., 1903, Ders.: »The Souls of White Folk.« In: Ders.: Darkwater. Voices From Within the Veil. New York: Harcourt, Brace & Howe, 1920.
2 Gilroy, Paul: »The End of Antiracism.« In: Donald James & Ali Rattansi (Hrsg.): ›Race‹, Culture and Difference. Newbury Park, CA.: Sage, 1992, S. 49-61.
3 Inzwischen ist der deutsche Kolonialismus recht gut erforscht, zahlreiche Studien beschäftigen sich mit verschiedenen Aspekten dieses Herrschaftssystems, und auch wenn in der Öffentlichkeit nach wie vor kaum ein Bewusstsein der deutschen Kolonialgeschichte, geschweige denn ihrer Bedeutung für die Gegenwart existiert, werden Jahrestage wie der des Völkermords an den Herero 1904 zunehmend zur Kenntnis genommen (für einen kritischen Überblick der Rezeption deutscher Kolonialgeschichte siehe auch Kien Nghi Ha in diesem Band). Anders sieht allerdings der Umgang mit dem Thema deutsche Minderheiten aus, das in Öffentlichkeit wie Wissenschaft immer noch ein marginales Dasein führt.
4 Vgl. etwa: Sieg, Katrin: Ethnic Drag. Performing Race, Nation, Sexuality in West Germany. Ann Arbor: University of Michigan Press, 2002; und: Wollrad, Eske: Weiss-sein imWiderspruch. Königstein/Ts.: Ulrike Helmer Verlag, 2005.
5 Eine Anzahl dieser AutorInnen, so Hito Steyerl, Kien Nghi Ha und Peggy Piesche, ist in diesem Band vertreten.

Siehe auch:

Susan Arndt:Weißsein und Kritische Weißseinsforschung

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