Bei unrast:
Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden
Ausschnitte aus III 2:
(1) Macht als produktives Netz „Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kräfteverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten - oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.“1 - Das ist die Kurzfassung von Foucaults Analytik der Macht, die das Bild derselben wesentlich erneuert hat: Macht ist nicht Repression. „Man muss aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur ‘ausschließen’, ‘unterdrücken’, ‘verdrängen’, ‘zensieren’, ‘abstrahieren’, ‘maskieren’, ‘verschleiern’ würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches“2 ; Macht ist die jeweilige Ordnung der Kräfteverhältnisse; diese wandeln sich ständig, „die Kräfte befinden sich in einem unendlichen Werden, es gibt ein Werden der Kräfte, das die Geschichte begleitet oder sie eher umgibt“3 . Macht bezeichnet also die sich ständig wechselnden Verhältnisse der Kräfte, der Kraftzentren. Die Macht gibt es nicht - Macht wird zum Namen für den momentanen Spielstand eines nie aufhörenden Kampfes, eines in keinem Moment stillstehenden Spieles von Kräften. „Die Macht gibt es nicht. Ich will damit folgendes sagen: die Idee, dass es an einem gegebenen Ort oder ausstrahlend von einem gegebenen Punkt irgendetwas geben könnte, das eine Macht ist, scheint mir auf einer trügerischen Analyse zu beruhen und ist jedenfalls außerstande, von einer beträchtlichen Anzahl von Phänomenen Rechenschaft zu geben. Bei der Macht handelt es sich in Wirklichkeit um Beziehungen, um ein mehr oder weniger organisiertes, mehr oder weniger pyramidalisiertes, mehr oder weniger koordiniertes Bündel von Beziehungen.“4 „Zweifellos muss man Nominalist sein: die Macht ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächtiger. Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt.“5 Die Macht wirkt nicht repressiv, sie ist nicht negativ, im Gegenteil: sie ist etwas Positives, sie steht für ständige, ununterbrochene Produktion. In genau diesem Sinne ist sie auch überall: „Nicht weil sie alles umfasst, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall.“6 Die Macht wird also von niemandem besessen, sie durchläuft vielmehr die Herrschenden ebenso wie die Beherrschten. „Die Macht muss als etwas analysiert werden, das zirkuliert oder vielmehr als etwas, das nur in einer Art Kette funktioniert. Sie ist niemals hier oder dort lokalisiert, niemals in den Händen einiger weniger, sie wird niemals wie ein Gut oder wie Reichtum angeeignet. Die Macht funktioniert und wird ausgeübt über eine netzförmige Organisation. Und die Individuen zirkulieren nicht nur in ihren Maschen, sondern sind stets auch in einer Position, in der sie diese Macht zugleich erfahren und ausüben; sie sind niemals die unbewegliche und bewußte Zielscheibe dieser Macht, sie sind stets ihre Verbindungselemente. Mit anderen Worten: die Macht wird nicht auf Individuen angewandt, sie geht durch sie hindurch.“7 So kann niemand die Macht sein/ihr eigen nennen: „Die Macht ist nicht etwas, das man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.“8 „Die Macht wird nicht besessen, sie wirkt in der ganzen Dicke und auf der ganzen Oberfläche des gesellschaftlichen Feldes gemäß einem System von Relais, Konnexionen, Transmissionen, Distributionen etc.“9 Die Macht hat auch kein Zentrum, von dem aus sie das gesellschaftliche Feld besetzt. Das berühmte „Zentrum der Macht“ (oder die noch berühmteren „Schalthebel der Macht“, an denen weißgott wer sitzen soll) werden zu naiven Vorstellungen. (In anderem Sinne ist die Macht allerdings sehr wohl lokal: „die Macht ist lokal, insofern sie nie global ist, sie ist jedoch nicht lokal oder lokalisierbar, insofern sie diffus ist.“10 ) Und schließlich ist die Macht nicht von den ökonomischen Bedingungen abhängig, vielmehr können sich diese in ihren jeweiligen Formen nur aufgrund bestimmter Machtverhältnisse entwickeln. Die Macht ist „eines der konstitutiven Elemente der Produktionsweise, sie funktioniert im Herzen der Produktionsweise“.11 „Die Machtbeziehungen verhalten sich zu anderen Typen von Verhältnissen (ökonomischen Prozessen...) nicht als etwas Äußeres, sondern sind ihnen immanent. (...) Die Machtbeziehungen bilden nicht den Überbau, der nur eine hemmende oder aufrechterhaltende Rolle spielt - wo sie eine Rolle spielen, wirken sie unmittelbar hervorbringend.“ 12 Die gängige Repressionshypothese der Macht scheint zu einfach: „Wenn sie (die Macht) nur repressiv wäre, wenn sie niemals etwas anderes tun würde als nein sagen, ja glauben sie dann wirklich, dass man ihr gehorchen würde? Der Grund dafür, dass die Macht herrscht, dass man sie akzeptiert, liegt ganz einfach darin, dass sie nicht nur als neinsagende Kraft auf uns lastet, sondern in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man muss sie als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Körper überzieht und nicht so sehr als negative Instanz, deren Funktion in der Unterdrückung besteht.“13 Es verschiebt sich die in bezug auf die Macht vorrangige Frage: die Frage ist nicht mehr, wie die Macht ist, sondern wie sie funktioniert. Das heißt, dass es die jeweiligen Machttypen, die das gesellschaftliche Feld bestimmen, herauszufinden gilt. Es gilt herauszufinden, in welcher Form die singulären Kräfte affizieren und affiziert werden, in welcher Form sie verbunden, verkettet, getrennt, kurz, geordnet sind, um den bestimmenden Machttypus (die in einem bestimmten Teil des gesellschaftlichen Feldes die meisten Kräfte verbindende Ordnung) erkennen und analysieren zu können, um die Wirkung, das Funktionieren der Macht festzustellen. - Es sind vor allem vier Aufgaben, die wir anpacken müssen: „die Machtbeziehungen aufsuchen, wo sie am verborgensten sind; ihnen bis in die ökonomischen Infrastrukturen nachgehen; sie unter ihren nicht nur staatlichen, sondern infra- oder para-staatlichen Formen verfolgen; ihr materielles Spiel rekonstruieren.“14 Ein Machttypus wird hauptsächlich bestimmt durch die Art und Weise der Verkettungen der singulären Kräfte - durch die Verkettungen vollzieht sich in den Kräfteverhältnissen ein Ordnungsprozess: der Raum wird aufgeteilt, übersichtlich gemacht, die Zeit eingeteilt, räumliche und zeitliche Ordnungen in Verbindung gebracht. Die Verkettungen der Macht haben ihre wichtigsten Glieder in gesellschaftlichen Institutionen, die natürlich sehr vielseitig sein können (am offensichtlichsten: Familie, Schule, Kirche u.a.). Je mehr Institutionen als Verknüpfungspunkte gefunden werden, je mehr Kräfte Glieder der gleichen Kette (der gleichen Ordnung) werden, desto dichter, kompakter und stabiler wird das Netz des jeweiligen Machttypus, desto weiter dringt dieser Machttypus in alle Bereiche des von ihm bestimmten Bereichs des gesellschaftlichen Feldes ein, bis sich schließlich ein- und derselbe Machttypus selbst in den kleinsten Ritzen dieses „Feld-Bereichs“ eingeschlichen hat. Im kleinsten Teil des gesellschaftlichen Feldes wird die Macht mit unglaublicher Intensität ausgeübt: Mikrophysik der Macht - „wenn ich von der Mechanik der Macht spreche, denke ich an die feinsten Verzweigungen der Macht bis dorthin, wo sie an die Individuen rührt, ihre Körper ergreift, in ihre Gesten, ihre Einstellungen, ihre Diskurse, ihr Lernen, ihr alltägliches Leben eindringt“15 („wir ahnen jetzt, dass die Macht in den feinsten Mechanismen des gesellschaftlichen Verkehrs gegenwärtig ist: nicht nur im Staat, in den Klassen, den Gruppen, sondern ebenso in den Moden, gängigen Meinungen, Schauspielen, Spiel- und Sportveranstaltungen, Informationen, familiären und privaten Beziehungen bis hin zu den befreienden Aufschwüngen, durch die versucht wird, sie in Frage zu stellen“16 ). Wollen wir also hinter das Funktionieren der Macht kommen, „so muss man bereit sein, im Detail auf der Stelle zu treten und auf Kleinigkeiten zu achten“17 . Es geht um eine „politischen Anatomie des Details“. Gefordert sind MikrophysikerInnen der Macht. Zu Missverständnissen führt immer wieder das Postulat „die Macht ist überall“. Der Vorwurf ist meist der folgende: Wenn alles Macht ist, ist Widerstand a) nicht möglich (wo sollte sein Ort sein?) und b) sinnlos (weil es eh’ immer nur Macht gibt). Auflösbar scheint das Missverständnis so: Erstens heißt „Macht ist überall“ nicht, dass Macht unveränderbar ist („die Machtbeziehungen sind bewegliche Beziehungen, was heißt, dass sie sich verändern können und nicht ein für allemal gegeben sind“18 ), und zweitens heißt das nicht, dass immer nur Herrschaft reproduzierbar ist („die Macht ist nicht das Böse. Macht heißt: strategische Spiele“19 ). Die Machtverhältnisse bezeichnen nur das Verhältnis der gesellschaftlichen Kräfte: dieses ist (a) jederzeit veränderbar und muss (b) nicht herrschaftlich sein: (a) Macht und Widerstand sind nicht zu trennen: „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht. Soll man nun sagen, dass man notwendig ‘innerhalb’ der Macht ist, dass man ihr nicht ‘entrinnt’, dass es kein absolutes Außen zu ihr gibt, weil man dem Gesetz unvermeidlich unterworfen ist? ... Das hieße den strikt relationalen Charakter der Machtverhältnisse verkennen. Diese können nur kraft einer Vielfalt von Widerstandspunkten existieren, die in den Machtbeziehungen die Rolle von Gegnern, Zielscheiben, Stützpunkten, Einfallstoren spielen. Diese Widerstandspunkte sind überall im Machtnetz präsent. Darum gibt es im Verhältnis zur Macht nicht den einen Ort der Großen Weigerung - die Seele der Revolte, den Brennpunkt aller Rebellionen, das reine Gesetz des Revolutionärs. Sondern es gibt einzelne Widerstände: mögliche, notwendige, unwahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände, die nur im strategischen Feld der Machtbeziehungen existieren können. Aber das heißt nicht, dass sie gegenüber der eigentlichen Herrschaft eine Folgewirkung, eine Negativform darstellen, die letzten Endes immer nur die passive und unterlegene Seite sein wird. Die Widerstände rühren nicht von irgendwelchen ganz anderen Prinzipien her ... Sie sind in den Machtbeziehungen die andere Seite, das nicht wegzudenkende Gegenüber. Darum sind auch sie unregelmäßig gestreut; die Widerstandspunkte, -knoten und -herde sind mit größerer und geringerer Dichte in Raum und Zeit verteilt, gelegentlich kristallisieren sie sich dauerhaft in Gruppen oder Individuen oder stecken bestimmte Stellen des Körpers, bestimmte Augenblicke des Lebens, bestimmte Typen des Verhaltens an. Große radikale Brüche, massive Zweiteilungen? So was kommt vor. Aber weit häufiger hat man es mit mobilen und transitorischen Widerstandspunkten zu tun, die sich verschiebende Spaltungen in eine Gesellschaft einführen, Einheiten zerbrechen und Umgruppierungen hervorrufen, die Individuen selber durchkreuzen, zerschneiden und umgestalten, in ihrem Körper und in ihrer Seele abgeschlossene Bezirke abstecken. Wie das Netz der Machtbeziehungen ein dichtes Gewebe bildet, das die Apparate und Institutionen durchzieht, ohne an sie gebunden zu sein, so streut sich die Aussaat der Widerstandspunkte quer durch die gesellschaftlichen Schichtungen und die individuellen Einheiten. Und wie der Staat auf der institutionellen Integration der Machtbeziehungen beruht, so kann die strategische Codierung der Widerstandspunkte zur Revolution führen.“20 Es zeigt sich, dass Macht ohne Widerstand bzw. ohne Freiheit zur Umwandlung der Machtverhältnisse nicht denkbar ist. „Das heißt, dass es in den Machtbeziehungen gezwungenermaßen Widerstandsmöglichkeiten gibt, denn wenn es keine Widerstandsmöglichkeit gäbe - Gewalt, Flucht, List, Strategien, die die Lage umkehren -, gäbe es überhaupt keine Machtbeziehungen. Wenn dies die allgemeine Form ist, weigere ich mich, auf die mir oft gestellte Frage zu antworten: ‘Aber wenn die Macht überall ist, dann gibt es keine Freiheit.’ Ich antworte: Wenn es in jedem gesellschaftlichen Feld Machtbeziehungen gibt, dann deshalb, weil es überall Freiheit gibt.“21 Plastischer gesagt: „Dort wo die Determinierungen gesättigt sind, existiert kein Machtverhältnis; die Sklaverei ist kein Machtverhältnis, wenn der Mensch in Eisen gekettet ist (da handelt es sich um ein physisches Zwangsverhältnis), sondern nur dann, wenn er sich bewegen und im Grenzfall entweichen kann. Macht und Freiheit stehen sich also nicht in einem Ausschließungsverhältnis gegenüber (wo immer Macht ausgeübt wird, verschwindet die Freiheit), sondern innerhalb eines sehr viel komplexeren Spiels: in diesem Spiel erscheint die Freiheit sehr wohl als die Existenzbedingung von Macht.“22 - Widerstand ist also in den Machtbeziehungen, gehört zu ihnen, ist Teil der Machtverhältnisse. Das heißt, Revolutionen sind kein Wegfegen der Macht, sondern eine Veränderung des Machttyps: „Ich würde sagen, dass der Staat eine Kodifizierung vielfältiger Machtbeziehungen ist, die sein Funktionieren ermöglichen und dass die Revolution ein anderer Typ der Kodifizierung dieser Beziehungen ist. Dies impliziert, dass es viele verschiedene Arten von Revolution gibt, ungefähr so viele nämlich, wie es mögliche subversive Kodifizierungen der Machtbeziehungen gibt.“23 (b) Macht und Herrschaft sind nicht dasselbe: „Mir scheint, man muss zwischen Machtbeziehungen als strategischen Spielen zwischen Freiheiten (also Spielen, in denen die einen das Verhalten der anderen zu bestimmen versuchen, worauf die anderen mit dem Versuch antworten, sich darin nicht bestimmen zu lassen oder ihrerseits versuchen, das Verhalten der anderen zu bestimmen) und Herrschaftszuständen unterscheiden, die das sind, was man üblicherweise Macht nennt.“24 Denn es ist so, „dass die Machtbeziehungen nicht etwas an sich Schlechtes sind, wovon man sich frei machen müsste; ich glaube, dass es keine Gesellschaft ohne Machtbeziehungen geben kann, sofern man darunter Strategien begreift, mit denen die Individuen das Verhalten der anderen zu lenken und zu bestimmen versuchen. Das Problem ist also nicht, sie in der Utopie einer vollkommen transparenten Kommunikation aufzulösen zu versuchen, sondern sich die Rechtsregeln, die Führungstechniken und auch die Moral zu geben, das Ethos, die Praxis des Selbst, die es gestatten, innerhalb der Machtspiele mit dem geringsten Aufwand an Herrschaft zu spielen.“25 Kurz: „Die Behauptung: ‘Sie sehen überall Macht, also gibt es keinen Platz für die Freiheit’ scheint mir absolut unangemessen zu sein. Man kann mir nicht unterstellen, dass ich die Macht für ein Herrschaftssystem halte, das alles kontrolliert und das der Freiheit keinen Raum lässt.“26 Im Kontext eines solchen Machtverständnisses kann es nicht darum gehen, gegen die Macht zu kämpfen, da jeder Kampf Machtpraktiken impliziert („eine Gesellschaft ‘ohne Machtverhältnisse’ kann nur eine Illusion sein“27 ); „das Problem liegt eher darin, zu wissen, wie man bei diesen Praktiken (in denen die Macht nicht ‘nicht-spielen’ kann und nicht schlecht an sich ist) Herrschaftseffekte vermeiden kann.“28 Anmerkungen: 1 Foucault, Der Wille zum Wissen, S.113f. 2 Foucault, Überwachen und Strafen, S.250. 3 Deleuze, Foucault, S.119. 4 Foucault, Dispositive der Macht, S.126. 5 Foucault, Der Wille zum Wissen, S.114. 6 ebda., S.114. 7 Foucault, Dispositive der Macht, S.82. 8 Foucault, Der Wille zum Wissen, S.115. 9 Foucault, Mikrophysik der Macht, S.114. 10 (1) Foucault, Der Wille zum Wissen, S.114. (2) Ein bißchen zu einfach scheint mir das Bild jenes autonomen Genossen, der meint, von Foucault gelernt zu haben, „dass die Macht kein Zentrum, kein ‘Herz’ hat, das man angreifen kann, sondern, dass sie immer an ihren Rändern, an ihrer Peripherie wirkt: Und dass deswegen der Ort, an dem man ihr Kämpfe liefert, die Peripherie, die Randbereiche sind“ (VAL, Liebe, Krieg und Alltag, S.37). Das Problem scheint: ohne Zentrum auch keine Peripherie. Das heißt, Foucault sagt, denke ich, nicht, dass in Wahrheit die „Vorortfilialen der Deutschen Bank“ die Macht ausüben und nicht die Bankpräsidenten (ebda.). Denn erstens verschiebt er nicht den Ort der Macht von ihrem Zentrum zu ihrer Peripherie, sondern löst die Orte der Macht (und damit sowohl Zentren als auch Peripherien) auf und sagt, sie wirke überall in sich verschiebenden Intensitäten; und zweitens - und das ist entscheidend - übersehen wir das Wichtigste an Foucaults Machtanalyse, wenn wir sie auf eine Ortsverschiebung ihres Wirkens reduzieren: nämlich welche Rolle wir, unsere Nachbarn, Freunde und Freundinnen, Geliebten, Gruppen usw. für die (Aufrechterhaltung der) Macht spielen (und da können wir die bösen Banken - egal ob Hauptgebäude oder Vorortfilialen - ruhig einmal vergessen). 11 Foucault, Dispositive der Macht, S.78. 12 Foucault, Mikrophysik der Macht, S.36. 13 Foucault, Dispositive der Macht, S.35. 14 ebda., S.190. 15 Foucault, Mikrophysik der Macht, S.32. 16 Barthes, Lektion, S.15. 17 Foucault, Überwachen und Strafen, S.178. 18 Foucault, Freiheit und Selbstsorge, S.19. 19 ebda., S.25. 20 Foucault, Der Wille zum Wissen, S.116ff. 21 Foucault, Freiheit und Selbstsorge, S.19f. 22 Foucault, Das Subjekt und die Macht, S.255f. 23 Foucault, Dispositive der Macht, S.40. 24 Foucault, Freiheit und Selbstsorge, S.26. 25 ebda., S.25. 26 ebda., S.20. 27 Foucault, Das Subjekt und die Macht, S.257. 28 Foucault, Freiheit und Selbstsorge, S.36. |