Bei unrast:
Deutsche Bahn AG verweigert Ausstellung zu Todestransporten jüdischer Kinder
- - Dokumentation –
- www.german-foreign-policy.com 13.01.05 Elftausend Kinder BERLIN/PARIS (Eigener Bericht) - Über sechzig Jahre nach den Todestransporten jüdischer Kinder in das Vernichtungslager Auschwitz weigert sich die Deutsche Bahn AG, auf den früheren Durchgangsstationen der Deportationszüge an die Ermordeten zu erinnern. Einen entsprechenden Bescheid erhielt die französische Organisation "Fils et Filles des Deportés Juifs de France"/FFDJF (Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs) im Dezember aus Berlin zugestellt. Die Organisation hatte die Deutsche Bahn um Stellplätze für eine Fotoausstellung über das Schicksal von 11.000 bahndeportierten Kindern gebeten. Sie waren in Drancy (bei Paris) auf einen 52-stündigen Schienenweg geschickt worden, der über Saarbrücken, Homburg, Kaiserslautern, Mannheim, Frankfurt am Main, Fulda und Dresden direkt nach Auschwitz führte. Die logistische Durchleitung der Todestransporte übernahm die Deutsche Reichsbahn, als deren Rechtsnachfolgerin die heutige Deutsche Bahn AG auftritt. Wie es in einem Schreiben heißt, das dieser Redaktion vorliegt, "fehlen" der Deutschen Bahn "sowohl die personellen als auch die finanziellen Ressourcen", um die angebotene Ausstellung zu übernehmen. "Das Unternehmen sponsert mit viel Geld die Fußballweltmeisterschaft 2006" und ergehe sich in unglaubwürdigen Ausflüchten, sagt Frau Beate Klarsfeld, Repräsentantin der FFDJF, in einem Interview mit german-foreign-policy.com. Die Ausstellung wurde in den vergangenen Jahren auf zahlreichen Bahnhöfen in Frankreich gezeigt, die an der Strecke der Todestransporte mit der Zuglaufnummer "DA-901" liegen.1) Bei den Eröffnungen kam es zu erschütternden Szenen, als die Austellungsbesucher u.a. der etwa 520 Kinder deutscher Frankreich-Emigranten gedachten, die über die Schienen der Deutschen Reichsbahn nach Auschwitz verschleppt und dort sofort umgebracht wurden. Insgesamt 80.000 französische Deportierte fanden in deutschen Vernichtungslagern den Tod. Die Zahl der in Deutschland deportierten Personen, die mit der Deutschen Reichsbahn in den Tod geschickt wurden, beläuft sich auf mehrere Hunderttausend Menschen. Verantwortung Um Angehörigen, Schulklassen und dem Reisepublikum den Besuch der Ausstellung zu ermöglichen, stellten die französischen Staatsbahnen (SNCF) auf ihrem Schienengelände in sämtlichen Landesteilen Stellplätze bereit. Im Pariser Nordbahnhof (Gare du Nord) hielt der Vorstandschef der SNCF im Juli 2004 eine Eröffnungsansprache, in der er sich zur Verantwortung der französischen Staatsbahnen für deren Beteiligung an der Deportation jüdischer Kinder bekannte.2) Darin hieß es, dass zwar Bahnbedienstete aus Frankreich den Zugverkehr bis zur deutschen Grenze organisierten, aber dort von Angehörigen der Deutschen Reichsbahn abgelöst wurden.3) Unter deren Kontrolle rollten die Todeszüge mit Tausenden Kindern durch Deutschland. Abgelehnt Im Gegensatz zur SNCF weigert sich die Deutsche Bahn AG, die Beihilfe ihrer Vorgängerorganisation zum Massenmord an den Orten des Verbrechens zu dokumentieren, und verweist auf ein lokales "Bahnmuseum" in Nürnberg. Eine bundesweite Wanderausstellung komme auf dem Schienengelände der DB AG nicht in Frage. Auch müsste die Ausstellung der französischen FFDJF "inhaltlich" umgearbeitet werden, heißt es in einem Schreiben der Abteilung "Kommunikation" der Deutschen Bahn AG vom 17. Dezember 2004. Bereits zuvor hatte das Unternehmen ein Angebot des hessischen "Arbeitskreises Christen-Juden" zurückgewiesen und sich die Errichtung einer Gedenkstätte am Hauptbahnhof der Stadt Hanau verbeten.4) Zentraler Knotenpunkt des Menschenumschlags der Deutschen Reichsbahn war das nahe gelegene Frankfurt am Main (Gleisbereich Süd, Ankunft: 07 Uhr 24, Weiterfahrt: 07 Uhr 46). Von dort rollten die Todeszüge mit den jüdischen Kindern über Hanau weiter nach Osten. Über den Bahnhof Frankfurt am Main wurden auch zahlreiche Todestransporte deutscher Juden abgewickelt. Recht auf Erinnerung "Die Franzosen haben uns ihre Bahnhöfe zur Verfügung gestellt. Jetzt kommen von der Deutschen Bahn ganz andere Reaktionen: Wir haben kein Geld, wir haben keinen Platz", äußert Beate Klarsfeld in einem Interview mit dieser Redaktion. Die Marginalisierung der Ausstellung sei nicht hinzunehmen und werde der Bedeutung des Massenverbrechens an den 11.000 ermordeten Kindern nicht gerecht. Frau Klarsfeld, die sich in zahllosen Aktivitäten der FFDJF für die Bestrafung der NS-Täter und für das Gedenken an die Opfer eingesetzt hat, hofft auf Reaktionen in Deutschland, um die Ausstellung doch noch zu realisieren. "Wer sich (in Deutschland) erinnern will, hat ein Recht, das zu tun. Erinnerung kann man nicht verbieten." Proteste Nach Bekanntwerden der Weigerung der DB AG wenige Wochen vor dem 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz gehen bei dem Unternehmen erste Protestbriefe ein. So schreibt ein süddeutscher Lehrer, die Begründung der milliardenschweren Aktiengesellschaft, sie verfüge nicht über die "finanziellen Ressourcen" für eine bereits einsatzbereite Wanderausstellung, sei "sehr fadenscheinig".5) "Ich empfinde es als Skandal, daß die Deutsche Bahn AG (...) eine solche Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen aus (...) unglaubwürdigen Gründen ablehnt", heißt es in dem Protestbrief. 1) Horaire prévu des trains de déportation à partir du 1er novembre 1943 2) Gare du Nord, l'hommage aux enfants juifs déportés; Le Monde 17.07.2004 3) Bulletin de liaison des FFDJF No. 87, Nov-Déc 2004 4) Französische Bahn läßt Gedenkorte zu; Frankfurter Rundschau 20.11.2003 5) Schreiben vom 17.12.2004 Interview mit Beate Klarsfeld +++++ KÖLN/PARIS - Über die Weigerung der Deutschen Bahn AG, eine Ausstellung über die 11.000 bahndeportierten Kinder, deren letzter Weg auf dem Schienennetz der Deutschen Reichsbahn nach Auschwitz führte, auf deutschen Bahnhöfen zuzulassen, sprach german-foreign-policy.com mit Beate Klarsfeld, der langjährigen Repräsentantin der "Fils et Filles des Deportés Juifs de France"/FFDJF (Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs). german-foreign-policy.com: Die Deutsche Bahn AG hat Ihnen mitgeteilt, dem Unternehmen fehlten die personellen und finanziellen Ressourcen, um Ihre Ausstellung über die auf dem Schienenweg nach Auschwitz deportierten Kinder in den Bahnhöfen der DB zu zeigen. Wieviel würde die Präsentation der Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen kosten? Beate Klarsfeld: Ich habe deswegen in Berlin eine Firma angesprochen, sie hat einen Preis von 40.000 Euro ausgerechnet. Das ist wirklich kein Vermögen. Ich vergleiche die Reaktion der Deutschen Bahn mal mit der Reaktion der französischen Staatsbahnen SNCF. Die SNCF hat uns vor drei Jahren ihre Bahnhöfe zur Verfügung gestellt, und zwar zum 60. Jahrestag der Deportation der Juden aus Frankreich, die 1942 begann. Wir haben in 18 großen Bahnhöfen drei Wochen lang die Wanderausstellung über jüdische Kinder gezeigt, die aus Frankreich deportiert wurden. Die SNCF hat uns die Bahnhofshallen geöffnet, hat uns die Tafeln zur Verfügung gestellt, wir hatten Tag und Nacht einen Sicherheitsdienst, und auch der Transport der Ausstellungsmaterialien von einem Bahnhof zum nächsten wurde mit Lastwagen der SNCF durchgeführt. Die Franzosen konnten dies. Jetzt kommen von der Deutschen Bahn ganz andere Reaktionen: Wir haben kein Geld, wir haben keinen Platz. Das ist sehr bemerkenswert. german-foreign-policy.com: Die Deutsche Bahn bietet an, die Ausstellung in einem "Bahnmuseum" in Nürnberg unterzubringen, Halten Sie die Zuweisung der Ausstellung in ein "Bahnmuseum" für angemessen? Beate Klarsfeld: Wir haben diese Ausstellung nicht nur wegen des 60. Jahrestags der Deportation der Juden aus Frankreich ins Leben gerufen, sondern auch, um davon unabhängig zu informieren, aufzuklären. Die Reisenden, die zufällig auf einem Bahnhof in Frankreich auf diese Ausstellung stießen, waren immer sehr beeindruckt. Da waren die Fotos der Deportierten, da war die dazu gehörende Lebensgeschichte; durch diese sehr persönliche Ansprache haben die Menschen vielleicht mehr gelernt als durch einen allgemeinen historischen Überblick. Die Bilder der deportierten jüdischen Kinder aus Deutschland sind in einem Museum in New York zu finden, im Museum of Jewish Heritage gibt es eine Dauerausstellung. Die Bilder sind in Frankreich an Bahnhöfen gezeigt worden, in Deutschland sollen sie nun nicht gezeigt werden. Das ist ein Skandal. german-foreign-policy.com: Sie sprechen von jüdischen Kindern aus Deutschland. Weshalb wurden sie von Frankreich aus deportiert? Beate Klarsfeld: Von den 76.000 Juden in Frankreich waren 7.000 in Deutschland geboren worden, sie flüchteten vor den Nazis und kamen nach Frankreich. Dort wurden sie von den NS-Besatzern wieder eingeholt und von hier aus nach Auschwitz deportiert. Unter den 76.000 Juden waren 11.000 Kinder im Alter unter 18 Jahren, und unter diesen Kindern sind mehr als 500 in Deutschland geboren worden, in Berlin, Frankfurt, Köln und anderen Orten. Von diesen 500 Kindern gibt es 100 Fotos. Es gibt Dokumente wie zum Beispiel das Briefdokument eines Deportierten. Der junge Mann war in Frankreich festgenommen und von der Gestapo gefoltert worden. Einen Brief konnte er noch aus dem Zug werfen, als er von Drancy nach Auschwitz deportiert wurde. german-foreign-policy.com: Bei der Deutschen Bahn gehen erste Proteste ein. Was empfehlen Sie den Menschen in der Bundesrepublik, damit ein öffentliches Gedenken auf den deutschen Bahnhöfen ermöglicht werden kann? Beate Klarsfeld: Ich weiß nicht, wer in Deutschland reagieren könnte. In der moralischen Verantwortung ist auf jeden Fall die Deutsche Bahn AG. Das Unternehmen sponsert mit viel Geld die Fußballweltmeisterschaft 2006, man sagt mir, dass die DB auch sonst zahlreiche Projekte unterstützt. Wir hier in Frankreich können nicht mehr tun, als die DB um Kooperation zu bitten. Sie sind in Deutschland. Wer sich dort erinnern will, hat ein Recht, das zu tun. Erinnerung kann man nicht verbieten. www.german-foreign-policy.com 13.01.05 |