Bei unrast:
Auf dem Weg zum Postfordismus:Konturen eines neuen Vergesellschaftungstypus
Auszug
Die einschneidenden und vielfältigen Veränderungen, für deren Beginn und Kulmination das Jahr 1989 steht, waren von derart grundlegender Natur, daß die bis dahin existierende Weltordnung gleich in mehrfacher Hinsicht zusammenbrach. Zum einen steht 1989 für eine siegreiche Beendigung der Systemauseinandersetzung und des Kalten Krieges zugunsten des kapitalistischen Systems, das sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nun weltweit ausgebreitet hat. Zum anderen steht es auch für eine Veränderung innerhalb des alten kapitalistischen Blocks (die freilich nicht erst 1989 begann), der bis dahin von der unantastbaren Hegemonie des US-amerikanischen Gesellschaftsmodells dominiert war. Diese Vorherrschaft stützte sich im Verlauf der 70er und 80er Jahre zunehmend auf militärische Stärke. In militärischer Hinsicht gilt diese Hegemonie auch heute noch. Gleichzeitig haben auf ökonomischer Ebene aber erhebliche Verschiebungen stattgefunden. Unter dem militärischen Schutz der USA haben sich mit Japan und Westeuropa – mit der Bundesrepublik als Kern – zwei weitere kapitalistische Zentren herausgebildet, die das kapitalistische Gesellschaftsmodell der USA nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einfach nachgeahmt, sondern aufgrund anderer gesellschaftlicher Bedingungen in ökonomischer Hinsicht effektiv umgesetzt haben. Gerade die Linke in der BRD hat sich im Zuge der Vereinigung nach 1989 nicht nur mit dem neuen ökonomischen Gewicht Westeuropas weltweit auseinandersetzen müssen, sondern vor allem auch mit der ökonomischen Rolle des »vereinigten« Deutschlands innerhalb der Europäischen Union selbst. Die gesellschaftliche Debatte in der BRD während des Zweiten Golfkriegs um Out-of-area-Einsätze der Bundeswehr und eine thematisch ähnlich gelagerte Debatte in Japan machen dabei auch das gewachsene politische Gewicht der beiden Weltkriegsverlierer deutlich. Diese Pluralisierung des kapitalistischen Zentrums ist eine wichtige Ursache für die Auflösung des von den USA kontrollierten Welthandels und der internationalen Regulation und somit auch der Krise der fordistischen Gesellschaftsformation weltweit. Weltweit deshalb, weil auch die Sowjetunion und die ihr angeschlossenen staatssozialistischen Gesellschaftssysteme eine spezifische Form einer fordistischen Gesellschaftsformation bildeten. Die technologische Offensive und die politischen Umwälzungen der kapitalistischen Zentren als Reaktion auf die Krise des Fordismus, die wir im folgenden darstellen werden, hatten großen Anteil am Zusammenbruch der Sowjetunion. Sie war aufgrund ihrer starren gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse nicht in der Lage, auf diese Offensive des kapitalistischen Blocks zu reagieren. Ende der 90er Jahre zeichnen sich ansatzweise die Konturen eines neuen Vergesellschaftungstypus ab, der auf den in den 70er Jahren in die Krise geratenen Fordismus folgen soll. Wir bezeichnen diesen neuen Vergesellschaftungstypus als Postfordismus. Wenn wir von sich ansatzweise abzeichnenden Konturen sprechen, bedeutet dies, daß sich die Ablösung eines nahezu weltweit durchgesetzten Gesellschaftsmodells durch ein anderes nicht von heute auf morgen vollzieht. Es handelt sich um einen längeren Prozeß, innerhalb dessen sich die konkrete Form des Gesellschaftstypus verändert. Solche Prozesse oder Übergangsphasen sind zudem keine Entwicklungen, die nach bestimmten Gesetz- oder Regelmäßigkeiten ablaufen oder deren Ergebnis gar vorhersagbar wäre. Vielmehr ist jede neue Gesellschaftsformation Ergebnis des je konkreten politischen Kräfteverhältnisses, in welchem verschiedene soziale Gruppen mit unterschiedlichen Interessen agieren. Bevor wir uns nun diesen Veränderungen zuwenden, wollen wir vorab einige Begrifflichkeiten klären. Diese Begriffsklärung ist eingebettet in die Einordnung unserer Analyse in eine materialistische (neo-marxistische) Gesellschaftstheorie. Grundbegriffe zur Analyse kapitalistischer Gesellschaftsformationen Wir beziehen uns mit unseren Ausführungen überwiegend auf Ansätze, die von VertreterInnen der Regulationsschule bereitgestellt werden. Die Regulationsschule ist in Frankreich während der Krise der 70er Jahre und als Reaktion darauf entstanden. In der Bundesrepublik ist dieser Ansatz überwiegend durch Arbeiten von Joachim Hirsch bekannt geworden, der unter starker Bezugnahme auf die Regulationsschule seinen Postfordismusansatz entwickelt hat. Wir teilen an vielen Punkten seine Analyse der Veränderungen, sowohl in den Metropolen als auch in den peripheren Ländern, und werden in den folgenden Ausführungen häufiger darauf zurückgreifen. Seine handlungstheoretischen bzw. handlungspolitischen Ausführungen, also die Vorstellung darüber, welche politische Praxis zur konkreten Veränderung der analysierten Verhältnisse notwendig ist, teilen wir hingegen nicht. Wir werden im letzten Kapitel auf sein Konzept eines radikalen Reformismus zurückkommen. Mit unserem Bezug auf neuere Ansätze der Regulationstheorie lehnen wir gleichzeitig eine Interpretation der Marx’schen Theorie ab, die Geschichte als Gesetzmäßigkeit versteht, welche in der ökonomischen Kernstruktur der kapitalistischen Produktionsweise angelegt sei. Geschichte wird darin verstanden als notwendiges Voranschreiten vom Kapitalismus zum Sozialismus. Diese Ansätze haben die gesellschaftliche Entwicklung mit einem simplen Basis-Überbau-Schema zu erklären versucht und sind in der Vergangenheit hinreichend kritisiert worden. Wir beziehen uns stattdessen auf die Sichtweise der Regulationstheorie, in welcher Joachim Hirsch davon ausgeht, »daß die Geschichte des Kapitalismus im Weltmaßstab durch eine Abfolge spezifischer gesellschaftlicher Formationen geprägt ist, die auf der Basis einer gleichbleibenden Grundstruktur (Privatproduktion, Lohnarbeit, warentauschvermittelte Aneignung des Mehrprodukts) in ihren Produktions- und Ausbeutungsformen, den Vergesellschaftungs- und Klassenverhältnissen sowie dem Charakter des Staates und der politischen Herrschaft sich wesentlich unterscheiden« . Die Dauer und die Form dieser kapitalistischen Formationen sind dabei abhängig von langfristigen Schwankungen der Profitrate, die immer in Verbindung mit sozialen Kämpfen analysiert werden müssen. Gerät eine Gesellschaftsformation in eine Krise, wie etwa der Fordismus im Laufe der 70er Jahre, entsteht eine Übergangsphase, in der um einen neuen Gesellschaftstypus gerungen wird. Eine solche Phase erleben wir seit den 80er Jahren. Zeitpunkt und Form der Krise folgen keinen gesetzmäßigen Kriterien, sondern sind abhängig von den ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnissen der jeweiligen Gesellschaft. Die weltweite Herausbildung wird ebenso wie die Krise einer Gesellschaftsformation auf der ökonomischen Ebene bestimmt durch »die in nationale gesellschaftliche Bedingungen eingebundene Konkurrenz der Kapitale« . Hergestellt wird diese Entwicklung über den Weltmarkt. Je nach Beschaffenheit der konkreten gesellschaftlichen Bedingungen in den einzelnen Nationalstaaten kann diese Entwicklung von Strukturunterschieden und Ungleichzeitigkeiten geprägt sein, auch wenn sich eine Gesellschaftsformation weltweit durchsetzt. So ist der periphere Fordismus in Mexiko, mit einem großen informellen Arbeitsmarkt, mit einer großen Anzahl prekärer Arbeitsverhältnisse, Maquiladora-Industrien etc. nicht vergleichbar mit dem fordistischen Gesellschaftsmodell in den Metropolen. Akkumulationsregime und Regulationsweise Jede kapitalistische Formation ist durch einen spezifischen Akkumulationsmodus (Akkumulationsregime) und eine entsprechende Regulationsweise gekennzeichnet. Dies sind zugleich die beiden Schlüsselkategorien der Regulationstheorie. Unter einem Akkumulationsregime ist die je konkrete Gestalt des Produktions- und Reproduktionsprozesses zu verstehen. Dieser ist gekennzeichnet durch Privatproduktion, Warentausch und Lohnarbeit, den Zwang zur Akkumulation, patriarchale Reproduktion durch Hausarbeit und Arbeitslosigkeit. Historisch und räumlich nehmen diese Akkumulationsregimes unterschiedliche Formen bezüglich der Art der Mehrwertproduktion und -realisierung sowie bezüglich der Verteilung des Gesamtprodukts an. Darüber hinaus ist das Akkumulationsregime gekennzeichnet durch eine spezifische ökonomische Verknüpfung von kapitalistischen mit nichtkapitalistischen Sektoren der Produktion und Reproduktion. Ein nichtkapitalistischer Sektor ist beispielsweise der gesamte Bereich der Hausarbeit. Historisch gesehen wäre ohne die Verknüpfung der kapitalistischen Produktion mit dem nichtkapitalistischen Sektor der häuslichen Reproduktion die Entwicklung einer kapitalistischen Produktionsweise, wie wir sie heute kennen, nicht möglich gewesen. Jede kapitalistische Gesellschaftsformation ist durch Antagonismen, also unversöhnliche Widersprüche, geprägt und daher von ihrer Struktur her notwendig krisenhaft. Um die Reproduktion einer solchen Gesellschaftsformationen zu gewährleisten, bedarf es ihrer Regulation. So fällt dem Staat beispielsweise die Aufgabe der Bereitstellung und Ausbildung von Arbeitskräften zu. Jedes Akkumulationsregime ist daher mit einem spezifischen Regulationssystem verknüpft. Das Regulationssystem basiert auf der institutionellen Konfiguration im bürgerlichen Staat und den politisch-ideologischen Strukturen der Gesellschaft. Die Regulationsmechanismen der ideologischen Strukturen haben einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert. Beispiele sind etwa die patriarchale Regulation der Haus- und Lohnarbeit oder die rassistische Regulation der Lohnarbeit. Nicht zu unterschätzen ist vor allem die eigene Dynamik, die von diesen Strukturen entfaltet werden kann. Wir gehen darauf später ausführlich ein. Neben diesen Bereichen spielt insbesondere der Klassenkampf als strukturierendes Moment eine besondere Rolle. In dieser Hinsicht zielt die Regulation vor allem auf eine Institutionalisierung der Klassenverhältnisse ab. Die besondere historische Verknüpfung der einzelnen Regulationsformen bildet die spezifische Regulationsweise. Das Akkumulationsregime und die Regulationsweise stehen in einen Artikulationsverhältnis zueinander. Das bedeutet, daß einerseits die Ökonomie die Art und Weise der Regulation determiniert, indem sie die Reproduktionsvoraussetzungen der Regulation bestimmt und diese für ihre eigene Reproduktion benutzt. Andererseits entwickeln die Regulationsformen ihre eigenen Regelmäßigkeiten und Dynamiken. Diese können zeitweise ökonomischen Belangen entgegenstehen oder über diese hinausgehen. So korrespondierte etwa gesellschaftlicher Rassismus in den 60er Jahren nicht mit der Anwerbung von »GastarbeiterInnen«, während er heute für eine Abschottung der Grenzen gegen MigrantInnen durchaus nützlich ist. Erst die erfolgreiche Verknüpfung von Akkumulationsregime und Regulation gewährt der kapitalistischen Formation für eine gewisse Zeit Stabilität. Art und Dauer einer erfolgreichen Verknüpfung sind aber abhängig von den sozialen Auseinandersetzungen und politischen Kämpfen. Über diese Verbindung von Akkumulationsregime und Regulationsweise hinaus bedarf es für die zeitweise Stabilität einer Gesellschaftsformation einer hegemonialen Ideologie bzw. eines hegemonialen Konsenses, der das regulative System stützt und legitimiert. Er beinhaltet verallgemeinerte Vorstellungen einer Ordnung von Gesellschaft, deren Durchsetzung Herrschafts- und Ausbeutungsinteressen als allgemeine oder nationale Interessen legitimieren. Ein hegemoniales Projekt verknüpft also innerhalb einer historischen Formation die spezifische Akkumulations- und Regulationsweise und läßt diese, in Anlehnung an die Fordismus-Analyse des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, einen historischen Block bilden. Die Krise einer hegemonialen Formation ist als komplexer ökonomischer, politischer und ideologischer Prozeß zu verstehen. Im Verlauf der Krise können ökonomische, politische oder ideologische Krisenprozesse relativ unabhängig und ungleichzeitig auftreten. Erst ihre Verbindung und Verdichtung führt zu einer tiefgreifenden Krise der Gesellschaftsformation. Das Ende der erfolgreichen Verknüpfung von Akkumulationsregime und Regulationsweise und die daraus entstandene Krise führen zur Durchsetzung eines neuen hegemonialen Projekts. Der strukturtheoretische Beitrag der Regulationstheorie besteht also in einer Überwindung ökonomistischer Erklärungsansätze. Sie ist in der Lage aufzuzeigen, daß rein ökonomische Prozesse zur Reproduktion kapitalistischer Gesellschaftsformationen nicht ausreichen. Literaturtips Esser, Josef und Joachim Hirsch (1993): Stadtsoziologie und Gesellschaftstheorie. Von der Fordismus Krise zur »postfordistischen« Regional- und Stadtstruktur, in: Walter Prigge (HG.): Die Materialität des Städtischen, Basel. Hirsch, Joachim und Roland Roth (1986): Das neue Gesicht des Kapitalismus. Vom Fordismus zum Post-Fordismus, Hamburg. Hirsch, Joachim (1990): Kapitalismus ohne Alternative?, Hamburg. (...) weiter Grundbegriffe folgen - s. Inhaltsverzeichnis |