Bei unrast:
Inhaltsverzeichnis und Vorwort zu: Bei lebendigem LeibVon Stammheim zu den F-Typ-Zellen.
Peter Nowak, Gülten Sesen, Martin Beckmann (Hg.)
Von Stammheim zu den F-Typ-Zellen. Gefängnissystem und Gefangenenwiderstand in der Türkei. ISBN 3-89771-008-0 http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,82,4.html Inhalt Vorwort 7 1. Die Entwicklung und Einführung der Isolationshaft 10 Das Isolationszellensystem als wissenschaftliches Forschungsprojekt, von Ilse Schwipper 10 Isolationshaft in der BRD. Entstehung, Entwicklung, Export, von Niels Seibert 23 2. Staatliche Repression und Gefangenenwiderstand in der Türkei 35 Die Gefängnissysteme in der Türkei, von Murat Demir und dem RuV e.V. 35 Der Todesfastenwiderstand von 2000/2001 gegen die Einführung der F-Typ-Isolationszellen, von Peter Nowak 55 Von der emotionalen Betroffenheit zum politischen Bewußtsein – eine kleine Geschichte der Angehörigenorganisation, vom TAYAD-Solidaritätskomitee Bielefeld 81 3. Die revolutionäre Linke in der Türkei 86 Die Revolutionäre Volksbefreiungspartei – Front (DHKP-C) und die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der revolutionären Linken in der Türkei, von Martin Beckmann 86 4. Solidaritätsarbeit in der BRD zum Todesfastenwiderstand in der Türkei 119 Die Internationale Rote Hilfe (IRH) –Ein Beitrag für eine internationalistische antirepressions- und antiimperialistische Solidaritätspolitik von der Gruppe mücadele 119 Interview mit einer internationalistischen Delegation aus der BRD in Istanbul, von Peter Nowak 135 5. Dokumentationsteil 137 zusammengestellt von Martin Beckmann Erklärung der politischen Gefangenen von DHKP-C, TKP(ML) und TKIP zur Aufnahme des Hungerstreiks vom 17. Oktober 2000 137 Erklärung der Gefangenen der Organisationen DHKP-C, TKP(ML) und TKIP aus allen Gefängnissen am 11. November 2000 139 Hungerstreik-Erklärung von Rainer Dittrich und Mehmet Karsli vom 22. 10. 2000 140 Worte der am Todesfastenwiderstand Beteiligten 143 Dokumentation von Erfahrungsberichten der Überlebenden des Massakers 149 Erklärung der Revolutonären Gefangenenkollektive vom 29. Januar 2001 160 Erklärung der Revolutionären gefangenenkollektive von Anfang Juni 2001 161 Vatan-Interview mit einer ehemaligen Justizvollzugsbeamtin aus dem Gefängnis in Istanbul-Ümraniye 163 Gespräch zwischen dem DHKC-Gefangenenvertreter Sadi Özbolat und dem Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit 168 Liste der Gefallenen des Massakers vom 19. - 22. Dezember 2000 und des Todesfastens 2000/2001 (Stand 28. August 2001) 172 Vorwort »Die treuesten Freunde der Deutschen waren immer die Türken. Freundschaften müssen gepflegt werden, und da hapert es bei uns. Das türkische Militär wird hier oft zu Unrecht kritisiert. Kaum ein anderer Staat war so natotreu wie die Türkei. Sie ist europafreundlich: Wir haben allen Grund, türkeifreundlich zu sein.« Bundeswehrgeneral a. D. Gerd Schmückle in der Anzeigenaktion ›Warum die Türkei für Europa wichtig ist‹; erschienen Mitte Juli in der Welt am Sonntag. Gerd Schmückle hat unmißverständlich deutlich gemacht, wer in der Türkei seine Freunde sind: die mit zahlreichen Menschenrechtsverletzungen, Massakern und Folterungen verbundenen Militärs. Er steht damit nicht alleine. Die politische Klasse in Deutschland bewunderte schon immer insgeheim, mit welcher Skrupellosigkeit dort gegen Oppositionelle, seien es Angehörige der kurdischen Nationalbewegung, GewerkschaftlerInnen, StudentInnen oder Intellektuelle durchgegriffen wurde. Demokratischer Firlefanz wie eine kritische Presse oder oppositionelle PolitikerInnen wurden notfalls mundtot gemacht. Dafür gab es die SA-ähnlich aufgebauten faschistischen Grauen Wölfe, deren Gründer und langjähriger Vorsitzender Alparslan Türkeþ vom CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauss in Deutschland empfangen wurde. Die deutsch-türkische Kumpanei der Herrschenden reicht weit zurück und funktioniert noch immer, wie das Statement von Schmückle zeigt. Wie ist es aber mit der Solidarität von Unten. Gegen das Treffen Strauss – Türkeþ protestierten Tausende Linke aus Deutschland und der Türkei. Seit dem 20. Oktober wehren sich revolutionäre Gefangene in türkischen Gefängnissen gegen ihre Verlegung in Isolationsgefängnisse. 60 Gefangene sind bis Ende Juli 2001 in diesem Kampf gefallen. Doch die demokratische Öffentlichkeit nimmt ihn kaum zur Kenntnis. Ein seltsames Schweigen liegt über den Gefangenen in der Türkei und ihren Aktionen. Man will diese Ereignisse möglichst nicht an sich heranlassen. Vielleicht aus dem Wissen, daß der Kampf gegen die Isolationshaft schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts von den politischen Gefangenen in der BRD geführt und verloren wurde. Ein Großteil derjenigen, die damals in Solidaritätsbewegungen mit und zu den Gefangenen gearbeitet haben, sind mittlerweile in der Mitte des Staates angekommen. Auf dem langen Marsch dorthin haben sie vergessen, was sie einst über sensorische Deprivation, Weiße Folter und Camera Silence erfahren hatten. Alles Begriffe, die heute bei den Gefangenen in der Türkei, ihren Freunden und Angehörigen diskutiert werden. Mit dem Buch soll der aktuelle Kampf der Gefangenen in der Türkei in einen politischen Kontext gestellt werden, der aufzeigt, daß hier nicht etwa um eine Auseinandersetzung zwischen demokratischer EU versus undemokratischer Türkei geht, wie es gerne selbst in den linken Medien dargestellt wird. Deshalb widmet sich das erste Kapitel der Entstehung und Entwicklung der Isolationshaft und ihrer Umsetzung in der BRD der 70er Jahre. Während Nils Seibert diese Entwicklung vom wissenschaftlichen Standpunkt skizziert, beschreibt Ilse Schwipper das Isolationshaftsystem als davon betroffene Gefangene. Im zweiten Kapitel beschreiben Menschenrechts- und Angehörigenorganisationen aus der Türkei die aktuelle Entwicklung der staatlichen Repression und den Widerstand der Gefangenen dagegen. Eine ausführliche Darstellung des aktuellen Todesfastenwiderstands schließt sich an. Weil die Gefangenen nicht als Opfer, sondern als politische Subjekte wahrgenommen werden sollen, folgt ein kurzer Abriss der revolutionären Linken in der Türkei am Beispiel der Revolutionären Volksbefreiungspartei – Front (DHKP-C). Uns ist bewußt, daß damit die Geschichte der revolutionären Linken außerhalb der kurdischen Nationalbewegung nur bruchstückhaft wiedergegeben wird. Doch die führende Rolle, die die DHKP-C-Gefangenen beim aktuellen Gefangenenwiderstand einnehmen rechtfertigt die Konzentration auf diese Organisation. Eine ausführliche Darstellung der revolutionären Linken steht noch aus und könnte vielleicht Gegenstand eines zukünftigen Buchprojekts sein. Im anschließenden Kapitel geben wir einige Schlaglichter auf die Solidaritätsarbeit mit dem Gefangenenwiderstand. Auch hier konnten wir nur eine kleine Auswahl treffen. Uns ging es darum, Beispiele von Solidaritätsaktionen inner- und außerhalb des Gefängnis sowie Initiativen mit internationalistisch-kosmopolitischem Anspruch zu erwähnen. In dem Dokumententeil am Ende des Buches wollen wir die Gefangenen und Augenzeugen des Massakers selbst zu Wort kommen lassen. Wir haben aus der Fülle des uns vorliegenden Materials eine Auswahl getroffen, von der wir denken, daß sie zentrale Kampfetappen beschreiben. Als wir mit dem Buchprojekt begannen, hätten wir nicht gedacht, daß das Todesfasten bis heute fortgesetzt wird. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf das Buch. Wir schreiben über noch nicht abgeschlossene Kämpfe, ein Resümee ist noch nicht möglich. Wir hoffen aber, daß das Buch mit dazu beiträgt, den Kampf der Gefangenen besser zu verstehen. Wir sind auch gerne zu Veranstaltungen bereit. Der Kontakt ist über den Verlag möglich. Wir möchten uns zum Schluß noch bei allen deutschen und türkischen Freundinnen und Freunden bedanken, die uns beraten, mit uns Diskussionen geführt und Texte korrigiert haben. Für den Herausgeberkreis Peter Nowak P. S.: Zum Schluß noch ein unerfreulicher Hinweis in eigener Sache: Daß Repression wahrlich nicht nur auf die Türkei beschränkt ist, machten die deutschen Justizbehörden am 31. 10. 2000 mit einer Razzia in meinen Wohn- und Arbeitsräumen deutlich, bei der neben dem Computer auch für das Buch vorgesehene Materialien über die Linke in der Türkei beschlagnahmt wurden. Der Vorwurf lautete: Verdacht auf Unterstützung der in Deutschland verbotenen DHKP-C. Zur Anklage ist es nicht gekommen. Der Computer ist allerdings trotz anderslautender richterlicher Entscheidungen bis heute verschollen. Für die mit der Razzia und den juristischen Folgen verbundenen Kosten wurde ein Spendenkonto eingerichtet: Rote Hilfe Berlin, Konto-Nr.: 7189 590 600, Berliner Bank, BLZ: 100 200 00, Stichwort: ›Devrim‹. |