Die Nationalgeschichte der Jungen Freiheit.
Auschwitz im Diskurs des völkischen Nationalismus. Aus der Einleitung: „Nationen und Staaten verlangen nach Geschichte“, stellt Eric Hobsbawm lapidar fest, um fortzufahren, daß es bei dieser Art Geschichtsbedarf nicht um die Suche nach historischer Wahrheit geht, sondern um die Begründung einer spezifischen Form von „Wir-Gemeinschaft“, der Nation. Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, dem Zusammenhang von nationalem Interesse und der Konstruktion und Deutung nationaler Geschichte am Beispiel der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit nachzugehen. Dabei wird die Bedeutung, die der Vernichtung der europäischen Juden in diesem Legitimationsdiskurs zugemessen wird, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Es erhebt sich die Frage, ob der Begriff des Geschichtsrevisionismus, wie er in Auseinandersetzung mit den apologetischen Tendenzen der radikalen Rechten entwickelt wurde, einen Diskurs beschreiben kann, der zwar unter der Prämisse der Legitimation der deutschen Nation und ihrer Geschichte notwendig affirmativen Charakter besitzt, der aber Auschwitz gerade nicht leugnen will.
Als Quellenmaterial liegen dieser Arbeit die Artikel der Wochenzeitung Junge Freiheit zugrunde, die in der ersten Hälfte des Jahres 1995 im weitesten Sinne zu den Themen Nation und Geschichte veröffentlicht wurden. Diese Wahl ist wohlbegründet. 1995 war das Jahr, in dem angesichts des 50. Jahrestages des Endes des II. Weltkriegs in Europa am 8. Juni 1945 eine breite öffentliche und wissenschaftliche Diskussion um Deutung und Lehren der nationalsozialistischen Vergangenheit geführt wurde. Gleichzeitig stellte sich in diesem Zeitraum für die Bundesrepublik Deutschland vor dem Hintergrund der Krise im ehemaligen Jugoslawien die Frage, ob sie sich an etwaigen Militäraktionen gegen die Bundesrepublik Serbien beteiligen solle. Diese Debatte wurde auch deshalb so erbittert geführt, weil hier nicht nur um die Ausgestaltung der Außen- und Verteidigungspolitik gestritten wurde, sondern gleichzeitig auch unterschiedliche Vorstellungen nationaler Identität und ihrer Konsequenzen aufeinanderprallten. Indem diese beiden großen Debatten, bedingt durch die zeitliche Nähe, aufeinander bezogen wurden, läßt sich in dieser Phase deutscher Selbstvergewisserung wie durch ein Vergrößerungsglas beobachten, wie Deutungen der Vergangenheit und des Umganges mit ihrem Erbe als Argumente für je unterschiedliche Konzeptionen des nationalen Selbstverständnisses und der sich daraus ergebenden Politik herangezogen wurden. Der Befund, daß nationale Selbstvergewisserung - jedenfalls in Deutschland - immer auch einen Streit um die Deutungsmacht über die Vergangenheit miteinschließt, wurde durch die in dieser Zeit beginnende Diskussion um die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ bestätigt. Gegner der Ausstellung wiesen sie u.a. deshalb vehement zurück, weil durch die Darstellung der Wehrmacht als „Verbrecherbande“ „Deutschland ins Mark“ getroffen werden solle.
Die Wochenzeitung Junge Freiheit nahm an all diesen Debatten regen Anteil. Sie kann als Sprachrohr einer national orientierten Neuen Rechten gelten, die, bestärkt durch den Niedergang des realexistierenden Sozialismus und die deutsche Vereinigung, einen Wechsel im „politischen Klima“ witterte. Ihr Ziel war - und ist - es, hauptsächlich durch publizistische Tätigkeit die Hegemonie für ihre gesellschaftspolitischen und nationalen Vorstellungen in der politischen Kultur zu erlangen. Zugespitzt kann man formulieren, daß es den Neuen Rechten um die Junge Freiheit um die Ablösung zivilgesellschaftlicher und verfassungspatriotischer Selbstdefinition durch nationalkonservative Ordnungsmodelle geht, um die Durchsetzung eines nationalen Konsenses, wie er in jener „Grauzone“ zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus formuliert wurde, der die Junge Freiheit zugehört.
Innerhalb dieses Diskurses sind Elemente der Deutung der Vergangenheit und aktuelle nationalistische Interessen eng miteinander verwoben. Dieser Umstand läßt die Zeitung als idealen Untersuchungsgegenstand für die eingangs gestellten Fragen erscheinen. Insofern sie keine Ausnahme der für einen genuin rechten Nationaldiskurs charakteristischen Betonung historisch motivierter Argumente für eine aktuelle nationale Selbstdefinition darstellt, steht sie - wie alle rechten deutschen Diskurse - vor dem Problem, wie mit der Vernichtung der europäischen Juden und dem Nationalsozialismus umzugehen sei. Während die extreme Rechte Auschwitz schlichtweg leugnet und den Nationalsozialismus positiv bewertet, sehen sich die Neuen Rechten aufgrund ihrer strategischen Ausrichtung, gesellschaftliche Akzeptanz, ja Hegemonie ihrer Vorstellungen zu erlangen, vor die Schwierigkeit gestellt, auf den gesellschaftlichen Konsens Rücksicht nehmen zu müssen. Sie können, wollen sie einigen Einfluß errreichen, Auschwitz nicht rundweg bestreiten. Um dennoch eine anknüpfungsfähige Nationalgeschichte zu formulieren, sind sie dazu gezwungen, dieses beispiellose Faktum anzuerkennen, es aber neu zu bewerten. Hier stellt sich die Frage, ob eine solche Umdeutung noch mit dem Etikett des Geschichtsrevisionismus, das bislang den apologetischen Tendenzen der radikalen Rechten vorbehalten war, zu versehen ist.
Die adäquate Methode, dieses Vorhaben durchzuführen, ist die für die Geschichtswissenschaften trotz neuerer Rezeption noch immer eher ungewöhnliche Diskursanalyse. Auch in der Sozialgeschichte blieb der aus dem Historismus stammende und von Friedrich Meinecke prägnant formulierte Anspruch, anhand von Quellen Geschichte so darzustellen, „wie sie tatsächlich gewesen“ im allgemeinen unproblematisiert. Doch spätestens durch die Zumutung postmoderner Theoriebildung mußte sich auch die Geschichtswissenschaft der Einsicht stellen, daß ihre Ergebnisse, wie gewissenhaft auch immer gewonnen, nicht unmittelbar auf ein vergangenes Geschehen, auf historische Zusammenhänge, Entschlußbildungen oder soziale Lagen verweisen, sondern zunächst auf die Artefakte der Vergangenheit, die Quellen. James E. Young, der diese Herausforderung ernst nimmt, verdeutlicht die Gefahr, die in dieser Überlegung für die Geschichtsschreibung steckt, an jenem Thema, das von ihr am empfindlichsten betroffen ist, an der Darstellung der Vernichtung der europäischen Juden: „Wenn die Holocaust-Literatur nur ein System von Zeichen ist, die sich lediglich auf andere Zeichen beziehen, wo bleiben dann die Ereignisse selbst?“ Young, anders als manche Vertreter postmodernen Zweifels, versteht den historischen Text allerdings nicht als bloßes „literarisches Kunstwerk“ , sondern schlägt eine doppelgleisige und reflexive Auseinandersetzung mit Geschichte vor: „Da die Fakten des Holocaust letztlich nur in ihrer erzählenden und kulturellen Rekonstruktion Bestand haben, können wir sagen, daß die Fragen der literarischen und der historischen Interpretation, die ohnedies miteinander verknüpft sind, im Gegenstand der ‘literarischen Historiographie’ zusammenfließen.“ Was Young hier für den engeren Bereich der Historiographie des Holocaust als Aufgabe formuliert, nämlich der Frage nachzugehen, „in welcher Weise die Holocaust-Literatur die Ereignisse nachträglich in einem bestimmten Licht reflektiert, ihnen bestimmte Bedeutungen unterlegt und uns zu diesen Bedeutungen hinführt“, läßt sich generalisieren.
Im Zusammenhang dieser Arbeit heißt dies, vor allem zwei Dinge im Auge zu behalten: Zum einen wird das Problem der Diskrepanz zwischen dem historischen Geschehen, der Strukturierung und Deutung der Artefakte sowie der Sinnbesetzung der Vergangenheit, das generell für die Geschichtswissenschaft besteht, innerhalb einer interessegeleiteten Nationalgeschichte in besonderem Maße anzutreffen sein. Es verweist direkt auf das Problem, ab welchem Punkt diese Diskrepanz als geschichtsrevisionistisch zu bezeichnen ist. Zum anderen ergibt sich aus diesen Überlegungen die Konsequenz, die Bearbeitung des Themas diskursanalytisch anzugehen und zu fragen, auf welche Weise das vorliegende Quellenmaterial eine bestimmte Deutung der Vergangenheit anbieten und durchsetzen will.
Möglichkeit, Diskurs zu präzisieren: Diskurs bei Foucault =Macht/Hegemoniebestreben/was wird eingeschlossen und produziert, was wird ausgeschlossen aus dem Diskurs?
In seinen Einzelaspekten kann das Vorhaben auf umfangreiche Quellen und Forschungen zurückgreifen. Was die Nationalismusforschung angeht, ist neben Eric Hobsbawm insbesondere auf Benedict Anderson und George L. Mosse zu verweisen. Alle drei Autoren gehen - auf unterschiedlich Weise - der Frage nach, wie die Vorstellung der Nation sich historisch durchsetzte. Diese Untersuchungen betonen den kontingenten Charakter dieser Vergemeinschaftungsform und untersuchen die Konflikte und Interessen, die mit ihrer Durchsetzung verbunden waren. Sie richten sich gegen Auffassungen, die die Nation als immer schon gegebenes betrachten.
Bezüglich der Neuen Rechten im allgemeinen und der Jungen Freiheit im besonderen kann auf zahlreiche Untersuchungen zurückgegriffen werden.
Der Komplex des Geschichtsrevisionismus ist im Hinblick auf die Leugnung von Auschwitz umfassend untersucht worden. Einen Überblick über die internationalen Ausmaße dieser Geschichtslügen bietet Deborah E. Lipstadt. Für den deutschen Sprachraum kann der Sammelband „Die Auschwitzleugner“ als wegweisend gelten.
Da der wissenschaftliche Begriff des Geschichtsrevisionismus in Auseinandersetzung mit der Apologetik der extremen Rechten gewonnen wurde, wird er verwendet, um eine rechtsextrem motivierte Leugnung von Auschwitz zu beschreiben. Er gilt als „Pseudowissenschaftliche Propaganda des Rechtsextremismus“ . Auf die Strategie der Neuen Rechten, den Tatbestand der Ermordung der europäischen Juden nicht mehr zu leugnen, sondern die Bedeutung dieses Ereignisses zu relativieren, scheint er nicht zuzutreffen. Gleichwohl wird man fragen müssen, ob das zentrale Element dieser engen Definition des Geschichtsrevisionismus, das ihn als „eindeutig politisch motiviert“ ausweist, nicht über seine Koppelung an rechtsextreme Propaganda einerseits sowie über seine inhaltliche Beschränkung auf die Lüge andererseits hinausweist.
Diese Arbeit kann bezüglich der Forschung über die Bildung nationaler Selbstdefinition insofern einen Beitrag leisten, als sie an einem Beispiel das Voluntaristische dieses Bemühens anhand einer explizit formulierten und durchgeführten Strategie aufzeigt. Zudem stellt sie die zentrale Bedeutung, die dabei der Sinnstiftung über die nationale Vergangenheit zukommt, deutlich heraus.
Für die Forschung über die Neue Rechte und hier speziell der Wochenzeitung Junge Freiheit stellt sie insofern eine Detailstudie dar, als meines Wissens der Zusammenhang von nationaler Vorstellung und Geschichtsbetrachtung bislang nicht systematisch untersucht worden ist.
Eine Herausforderung könnte sie für die Analyse des Geschichtsrevisionismus darstellen. Denn sie plädiert dafür, die Reichweite des Konzeptes des Geschichtsrevisionismus auf jene Diskurse zu beschränken, für die es ursprünglich entwickelt wurde: Für die politisch motivierte Leugnung der Vernichtung der europäischen Juden. Wollte man dieses Konzept auch auf den Diskurs der Jungen Freuiheit anwenden, der sich dieses Themas zwar auch unter heteronomen politischen Interessen zuwendet, den Sachverhalt aber nicht leugnet, stünde man vor dem Problem, jeglichen solchen Diskurs als revisionistisch bezeichnen zu müssen. Da auch der offizielle deutsche Gedenkdiskurs zumindest in Teilen einen dem historischen Ereignis heteronomen Zweck verfolgt, nämlich die Bundesrepublik als geläuterten Staat darzustellen, ergäbe sich eine Ausweitung des Begriffes, die ihn analytisch überfordern und somit unbrauchbar machen würde. Die vorliegende Arbeit plädiert dafür, solche Diskurse mit dem Begriff der „Instrumentalisierung“, wie er von Moshe Zuckermann entwickelt worden ist, zu fassen. Dieser Begriff hat im Gegensatz zu dem des Revisionismus den Vorteil, daß mit ihm die ideologischen Momente bei der Bearbeitung der Vergangenheit im Vordergrund stehen, indem das Feld der Analyse von der Überprüfung der Faktentreue des Diskurses auf das seines historischen Urteils verlagert wird.
Aufgrund dieser Fragestellung ist es nötig, vor der eigentlichen Analyse des Quellenmaterials die Reichweite des Begriffs des Geschichtsrevisionismus vor dem Hintergrund der verwendeten Methoden zu diskutieren und seine heuristischen Grenzen darzustellen (Kapitel II). Würde es sich zeigen, daß der Diskurs der Jungen Freiheit als revisionistisch in dem Sinne bezeichnet werden kann, wie sich dieser Begriff in der Auseinandersetzung mit negationistischen und apologetischen Tendenzen in der Geschichtsschreibung herausgebildet hat, wäre diese Arbeit beendet, denn sein Gegenstand fiele automatisch unter das Verdikt, eine der illegitimen Verfälschungen der nationalsozialistischen Vergangenheit zu sein, denen nicht mit historischen Argumenten, sondern nur mit politischen Mitteln zu begegnen wäre. Es wird sich aber herausstellen, daß die Art des Umgangs mit der Geschichte, wie sie in der Jungen Freiheit praktiziert wird, mit dem Begriff des Geschichtsrevisionismus nicht zu fassen ist. Die Junge Freiheit gilt als Sprachrohr einer nationalistisch orientierten sogenannten Neuen Rechten, deren erklärtes Ziel es ist, mittels einer eigens formulierten Hegemeoniepolitik, nationalistische und rechtsradikale Ideologeme in die allgemeine politische Debatte hineinzutragen, zu verbreiten und zu verankern. Dieses strategischen Zieles wegen ist sie gezwungen, sich innerhalb der Grenzen gesellschaftlicher und politischer Akzeptanz zu bewegen und von innen her zu versuchen, diese Grenzen in ihrem Sinne zu verschieben. Für den hier untersuchten historischen Teildiskurs heißt dies, daß sie die Fakten, die als historische Wahrheiten anerkannt sind, berücksichtigen muß.
Die Darstellung des Diskurses der Jungen Freiheit wird den größten Teil dieser Arbeit einnehmen (Kapitel III), hängt doch von seiner genauen Rekonstruktion das Gelingen der Analyse ab. Im ersten Abschnitt dieses Hauptkapitels wird zur Verdeutlichung des Stellenwerts der Quellen die Entwicklung der Zeitung seit ihrer Gründung im Jahre 1985 nachgezeichnet und ihre ideologisch-politische Position innerhalb der Neuen Rechten sowie der politischen Debatte der Bundesrepublik bestimmt (Kapitel III.1). Um die Frage zu beantworten, wie ein spezifischer Nationalismus eine ihm zuträgliche Bearbeitung der Nationalgeschichte vorstrukturiert, wird zunächst das Nationsverständnis der Jungen Freiheit nachgezeichnet, der als völkischer Nationalismus kenntlich werden wird (Kapitel III.2). Vor diesem Hintergrund wird untersucht, wie auf welche Weise dieser völkische Nationalismus das Verständnis der Vergangenheit präformiert (Kapitel III.3), bevor in Kapitel III.4 die aus ihm resultierende Neubewertung von Auschwitz nachgezeichnet wird. In einem Exkurs über die Heranziehung von Auschwitz für ein Modell deutscher Identität, wie es implizit von der linksalternativen Tageszeitung taz vertreten wird, wird die Spezifik des Zusammenhangs unterschiedlicher nationaler Konstrukte, auch wenn sie explizit keine nationalen Mythen bemühen, mit der Deutung der Vergangenheit deutlich.
Die wichtigsten Ergebnisse dieser Analyseschritte werden im Schlußkapitel thesenartig zusammengefaßt um zu zeigen, daß das Konzept des Geschichtsrevisionismus ungeeignet ist, diesen Diskurs zu beschreiben und zu analysieren, daß nicht die Frage nach der historischen Wahrheit im Mittelpunkt der Analyse solcher Diskurse stehen muß, sondern die nach der Adäquatheit des historischen Urteils. Wie den Problemen, die diese Fragestellung aufwirft, beizukommen wäre, wird anhand des Begriffes der heteronom motivierten Instrumentalisierung von Auschwitz diskutiert, um dann in einem kursorisch gehaltenen Ausblick das Problem aufzuwerfen, inwiefern die Vernichtung der europäischen Juden in figurativer, in erzählender Rede überhaupt adäquat darstellbar ist.
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Verbiegen, Verdrängen, Beschweigen.Verbiegen, Verdrängen, Beschweigen.
Die Nationalgeschichte der Jungen Freiheit.
Auschwitz im Diskurs des völkischen Nationalismus.
ISBN-10: 3-89771-406-X
ISBN-13: 978-3897714069