Interviews mit Gloria Muñoz Ramírez

Ausbau der Autonomie in Chiapas

Selbstverwaltung in Bildung und Gesundheit schreitet voran

ND-Interview mit Gloria Muñoz Ramírez

Gloria Muñoz Ramírez aus Mexiko-Stadt ist Journalistin und Autorin des
Buches »EZLN: 20 und 10« (Unrast Verlag) über die Geschichte und Entwicklung
der zapatistischen Bewegung. Zur Zeit macht sie eine Rundreise, um das Buch
vorzustellen. Infos & Tourplan unter www.gruppe-basta.de. Mit Muñoz Ramírez
sprach für ND Luz Kerkeling.

ND: Wie schätzen Sie die aktuelle Bedeutung der zapatistischen Bewegung im
Bundesstaat Chiapas ein?

Die zapatistische Bewegung organisiert und stärkt im Moment ihre Autonomie in
den fünf indigenen Regionen, in denen sie präsent ist. Es handelt sich um
hunderttausende Männer, Frauen und Kinder, die sich auf eine neue Art und
Weise selbst regieren. Entscheidend ist der Grundsatz des »gehorchenden
Befehlens«.
Dies bedeutet, die Macht von der Basis ausgehend zu organisieren, zu
überwachen und umzusetzen. Die Zapatistas sind eine reale Kraft im gesamten
Bundesstaat und repräsentieren einen wichtigen politischen Bezugspunkt für die
Indigenen und Marginalisierten des ganzen Landes - Frauen, Studierende,
Campesinos, Arbeitslose etc. -, weil sie mit einer konkreten Praxis in mehr
als 1000 indigenen Gemeinden zeigen, dass man gegen die Macht kämpfen kann und
sollte.

Wie sieht es mit der Organisation auf nationaler Ebene aus?

Parallel zu ihrer lokalen Praxis haben sie die Initiative gestartet, ein
Widerstandsnetz auf nationalem Niveau zu schaffen. Ein Netz, indem sich die
Kämpfer zusammenschließen können und indem die Kämpfe des gesamten Landes
kommuniziert werden. Diese Initiative trägt den Namen »Plan La
Realidad-Tijuana«.
Verschiedene Bewegungen, die außerhalb von politischen Parteien und
Institutionen arbeiten, haben sich bereits vernetzt.

Sie haben über sieben Jahre in verschiedenen zapatistischen Gemeinden gelebt,
ohne sie zu verlassen. Wie ist das alltägliche Leben dieser Gemeinden im
Widerstand?

Hier erlebt man den ganzen Tag, 24 Stunden, die Erfahrungen des Kampfes. Es
sind Männer, Frauen und Kinder, die täglich arbeiten und den Widerstand
organisieren.
Die Frauen stehen um vier Uhr auf, erledigen ihre Arbeit und treffen sich
danach in Kooperativen, sie nehmen an Versammlungen teil, in denen über
Aktionen und die weitere Arbeit entschieden wird. Die Männer gehen auf die
Felder, kehren nach Hause zurück und machen mit ihrer Arbeit innerhalb der
Organisation weiter, zum Beispiel mit der Überwachung der Sicherheit der
Gemeinde oder der Gesundheitsvorsorge. Am wichtigsten sind die Kinder. Sie
gehen fast jeden Tag zur autonomen rebellischen Schule ihres Dorfes. Dort
lernen sie nicht nur Mathematik, Lesen, Schreiben und Sozialwissenschaften,
sondern - und das ist
das Wichtigste - sie lernen zu kämpfen, sich zu verteidigen und niemals mehr
das Gesicht wegen ihrer indigenen Identität zu verstecken.

Das hört sich nach paramilitärischer Ausbildung an?

Nein. Sie lernen nicht mit den Waffen zu kämpfen, sondern ihre Rechte zu
kennen, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart. Auf diese Weise werden sie ihre
Zukunft aufbauen. Das Beeindruckendste in den Gemeinde waren die
organisatorischen Fähigkeiten und die Entscheidungsfindung durch Versammlungen
und Konsens.
Die Plena sind täglich und dort wird alles beschlossen, was die Gemeinde
betrifft.
Es gibt bis zu drei oder vier Versammlungen pro Tag, um über Probleme oder die
Teilnahme an Mobilisierungen ihrer Organisation zu diskutieren, das heißt der
Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN.

Gibt es Fortschritte der Bewegung in Bezug auf ihre Autonomie in Chiapas?

Über dieses Thema könnten wir lange reden und es würde nicht reichen! Das
Wichtigste ist, dass alles im Widerstand aufgebaut wird ? Bildung,
Gesundheit, Handel, Kommunikation, Frauenkooperativen etc. ?, alles ohne
jegliche Hilfe der Regierung. Sie realisieren alles durch ihre Arbeit und dank
der Begleitung von hunderten Kollektiven aus Mexiko und vielen anderen Teilen
der Welt. Ein Beispiel ist der Handel. In einigen Zonen kaufen die »Juntas der
Guten Regierung«, die zapatistischen Instanzen der Selbstverwaltung, direkt
die Maisproduktion der Indigenen auf. Sie zahlen ihnen faire Preise und
kommerzialisieren die Produkte später außerhalb des Rebellenterritoriums.
Mit dieser Praxis bekämpfen sie die Zwischenhändler und ihre Spottpreise. Die
Gewinne werden dann in andere kollektive Projekte investiert, wodurch das Geld
nicht Einzelnen, sondern der Allgemeinheit zu Gute kommt.

Wie sieht es im Bildungs- und Gesundheitsbereich aus?

Dort gibt es die größten Fortschritte. Die Zapatisten bilden selbst ihre
Fachleute aus, die danach in ihre Dörfer zurückkehren und ihre Arbeit in
kleinen autonomen Schulen und Gesundheitsstationen aufnehmen. Die so genannten
Promotoren erhalten keinerlei Lohn, aber im Gegenzug werden sie von den
Gemeinden bei der Feldarbeit unterstützt. Es gibt auch Arbeiten im Bereich
Kommunikation wie zum Beispiel eigene Radiosender. Selbstverständlich gibt es
auch viele Projekte von Frauenkooperativen. Sie produzieren und verkaufen ihre
Güter auf kollektive Weise, was ihnen ein eigenes Einkommen ermöglicht und
auch eine andere Rolle innerhalb der Familie und der Gemeinschaft zuweist.

Ihr neues Buch ist bereits auf Englisch, Französisch, Italienisch, Deutsch und
Persisch übersetzt worden. Wovon handelt es?

Es ist ein Versuch, sich den Menschen zu nähern, vor allem den Jugendlichen,
um ihnen diese rebellische Geschichte zu vermitteln. Das Buch ist in drei
Teile unterteilt. Im ersten sprechen Beteiligte über den Aufbau der EZLN im
Untergrund zwischen 1983 und 1994. Der zweite Teil liefert eine Chronologie
des zapatistischen Aufstands von 1994 bis heute. Im dritten Abschnitt
berichtet Subcomandante Marcos, der Sprecher der EZLN, über die 20 Jahre seit
der Gründung der EZLN und die zehn Jahre ihres öffentlichen Wirkens. Marcos
spricht über ihre Fehler, ihre Erfolge, die Überraschungen, auf die sie
gestoßen sind, über
Treffen und Trennungen und über den globalen Kampf gegen den Neoliberalismus.

(ND 12.10.04)



»Ohne befehlende Autorität«

Zapatistische Bewegung hat weltweiten Einfluß. Kampf für eine Welt, in der
viele Welten Platz haben. Ein Gespräch mit Gloria Muñoz Ramírez

* Gloria Muñoz Ramírez aus Mexiko-Stadt ist Journalistin und Autorin des
Buches »EZLN: 20 und 10« (Unrast Verlag) über die Geschichte und Entwicklung
der zapatistischen Bewegung. Zur Zeit stellt sie ihr Buch auf einer
Rundreise in europäischen Ländern vor. Infos & Tourplan unter
www.gruppe-basta.de


F: Seit ihren Anfängen hat die zapatistische Bewegung eine enorme
Ausstrahlungskraft auf viele Bewegungen der Welt. Wie läßt sich das
erklären, und was sind die wichtigsten Aspekte dieser Einflüsse?

Der Aspekt, der am meisten Einfluß auf andere Bewegungen hat, ist die
Organisation von unten. Die Zapatistas praktizieren das Prinzip des
»gehorchenden Befehlens« und schlagen es für die gesamte Gesellschaft vor.
Konkret bedeutet das, daß die Macht von der Basis ausgeht, ohne eine
vertikale Autorität, wobei sie ihre Funktionsträger immer überwacht und
jederzeit ersetzen kann, wenn sie ihre Aufgaben nicht zufriedenstellend
lösen.

Die Zapatistas haben außerdem immer klargestellt, daß man niemals absolute
Gewißheit hat. Sie spielen sich eben nicht als Avantgarde welcher Strömung
auch immer auf, sondern kämpfen für eine horizontale Organisierung, die
Toleranz für alle Denkweisen und Formen des Kampfes einschließt. Ich denke,
dieser Kampf »für eine Welt, in der viele Welten Platz haben«, ist ein
weiterer relevanter Aspekt.

F: Zur Präsentation Ihres Buches sind Sie in verschiedenen europäischen
Ländern gewesen. Sie wollten dabei auch einen Dialog zwischen der
zapatistischen Bewegung und den sozialen Bewegungen in Europa führen. Welche
Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich kann mich noch nicht auf Deutschland beziehen, denn ich beginne gerade
mit einer Rundreise durch 15 Städte des Landes. Aber ich kann über Italien,
Spanien oder Frankreich reden. Die zapatistische Erfahrung lebt dort nicht
nur durch die solidarische Unterstützung der Sache und in den zahlreichen
Projekten, die den Widerstand vor Ort in Mexiko begleiten. Es geht vielmehr
darum, daß die sozialen Bewegungen versuchen, Verbindungen zwischen den
Kämpfen zu knüpfen und einige Vorschläge der Zapatistas zur Diskussion
stellen. Konkrete Beispiele für den Einfluß des zapatistischen Denkens sind
die Bewegung der »disobedienti« (dt.: die Ungehorsamen) in Italien, die
sozialen Zentren sowie die Organisation von Initiativen, die Häuser für
Flüchtlinge oder prekär Beschäftigte besetzen.

F: Angesichts der enormen globalen Probleme: Wofür sollten wir gemeinsam mit
der zapatistischen Bewegung kämpfen?

Die Zapatistas haben vielen von uns beigebracht zu sagen: »Ich weiß nicht«.
Und in vielen Fällen ist es die angemessene Antwort. Wir müssen immer weiter
fragen.

Aber natürlich gibt es grundlegende Linien in ihrem Denken, wie die
generelle Besorgnis wegen des Krieges, den die Mächtigen auf dem gesamten
Planeten führen. Dabei beziehe ich mich nicht nur auf den Krieg mit Waffen
und Armeen, sondern auf den alltäglichen Krieg, den der Neoliberalismus
gegen die Menschheit führt. Es ist ein Krieg, in dem die Indigenen von ihren
angestammten Ländereien vertrieben werden, um den multinationalen Konzernen
Zutritt zu verschaffen. In diesem Krieg werden den Arbeitern ihre Rechte
entzogen und Stück für Stück alle sozialen Errungenschaften vernichtet.
Damit werden die Renten, die Arbeitslosenhilfe und die Unterstützung für die
Kultur verschwinden, in einem Krieg aller gegen alle. Und ich glaube, das
ist Motiv genug, um gemeinsam mit den Zapatistas zu sagen: »Ya basta!« – Es
reicht!



Interview: Luz Kerkeling


18.10.2004 junge Welt

Interview