Rezension:
Jutta Sommerbauer - Differenzen zwischen Frauen Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus
von Dagmar Brunow
gesendet in Lorettas Leselampe fsk Hamburg und radio unerhört
Was ist das Subjekt des Feminismus in Zeiten der Postmoderne? „die Frau“ gibt es nicht – nicht mehr, seit der Absage an das Subjekt und seit „women of color“ dem Universalismus der weißen Mittelschichtsfeministinnen eine Absage erteilt haben. Wie aber kann eine feministische Politik aussehen, die sich dieser Problematik bewusst ist und sie produktiv nutzt? Dieser Frage geht die Wiener Politologin Jutta Sommerbauer nach und kommt zu einem vernichtenden Urteil: „Die heutige Frauen- bzw. Geschlechterforschung hat eine Anbindung an Anliegen der Frauenbewegung oder feministische Politik weitgehend verloren – es werden eigene spezialisierte und ausdifferenzierte Debatten geführt.“ (8) Die postmoderne Debatte hat sich verzettelt, konstatiert die Autorin, und bietet kaum Anknüpfungspunkte für eine gesellschaftskritische feministische Politik. „Der postmoderne Feminsimus reflektiert die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, vor deren Hintergrund er sich bewegt, nur ungenügend. Er scheint hingegen die Flexibiliserungstendenzen, denen die Subjekte in der postfordistischen Phase zunehmend ausgesetzt sind, ideologisch abzusichern.“ (113) Landet man mit der Betonung von Verschiedenheit, Pluralität und des Lokalen nicht vielmehr in einer Sackgasse? „Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der identitätspolitische Strang des Differenzen-Ansatzes dazu tendiert, gesellschaftlich vermittelte Herrschaftsmechanismen als persönliche ‚Eigenschaften‘ zu betrachten.“ (94)
Wie kann eine Kritik- und Handlungsfähigkeit wieder hergestellt werden? Wie kann Gesellschaftskritik in aktuelle feministische Debatten wieder integriert werden?
Jutta Sommerbauer plädiert für eine Ablehnung von Differenzdenken und Univeralismus gleichermaßen. Zit. s. 116
Ziel kann es nicht sein, Frauen in die herrschenden Konzeptionen von Kapital, Staat oder Nation zu integrieren – sondern diese Konzepte müssen per se kritisiert, Formen der geschlechtsspezifischen Vergesellschaftung hinterfragt werden. Es geht also um eine „Denkbewegung weg von der positiven Identitätsfindung hin zu einer negativ-kritischen Ausrichtung feministischer Theorie“
Eine brillante, intelligente, fundierte Analyse, die längst überfällig war!
weiter Rezensionen zu diesem Titel Der zerteilte Blick. Differenzen zwischen Frauen. Über das Dilemma mit dem „postmodernen Feminismus“ und mögliche Wege der Befreiung
Buchbesprechung
von Sarah Althäuser
Rezension aus: Graswurzelrevolution Nr. 291, 33. Jahrgang, Juli 2004, www.graswurzel.net
Jutta Sommerbauer - Differenzen zwischen Frauen Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus br., 136 Seiten, 13,- Euro, Feministische Wissenschaft, Bd. 5. Unrast Verlag, Münster, 2003.
Nie zuvor war der Institutionalisierungsgrad der gleichstellungsorientierten Frauenpolitik, die professionell agiert, gezielt Lobbying betreibt und die Sache der Frauen bürokratisch verwaltet, so stark ausgeprägt wie heute. Der damit verbundene Trend zum „Staatsfeminismus“ bzw. „Berufsfeminismus“ beförderte, zumindest in den städtischen Ballungsgebieten, das Bestehen einer Vielzahl institutionalisierter Projekte, die jedoch weitgehend aus den Fußstapfen der Frauenbewegung herausgetreten sind. Feministinnen, die der autonomen Tradition der basisorientierten Frauenbewegung verbunden sind, haben diese Entwicklungen seit jeher kritisch beäugt.
Mittlerweile gibt es in den westlichen Gesellschaften eine große Anzahl an Frauenbüros, an Gleichstellungsbeauftragten, GleichbehandlungsanwältInnen, staatlichen Antidiskriminierungsstellen, Frauenförderplänen und Frauenquoten, Zentren für Frauenforschung an den Universitäten.
Auch das sogenannte Gender Mainstreaming hat sich inzwischen zur handlungsleitenden Perspektive im Gesetzgebungsprozess etabliert. Äußerlich betrachtet sind das progressive gesellschaftliche Entwicklungen. Es wirkt fast so, als habe die Gleichberechtigung, eine perfekte Vervollkommnung der gleichen Rechte für Frauen, überall Einzug gefunden. Aber dieser erste Blick täuscht.
Im Gegensatz zu den, zum Teil radikaleren sozialreformerischen und auch sozialrevolutionären Ansätzen der Frauenbewegung der 70er, 80er und frühen 90er Jahre, leisten die staatlich institutionalisierten Gleichstellungspolitiken nur ihren geringen Beitrag hinsichtlich emanzipatorischer, gesellschaftlicher Veränderungsprozesse.
Jutta Sommerbauer (1) kritisiert in ihrem Buch „Differenzen zwischen Frauen“ vor allem die neoliberalen Tendenzen dieser staatlich subventionierten Frauenpolitik. Der Bruch mit den feministischen, gesellschaftskritischen Utopien und den Ansätzen kooperativer Verwirklichung mit der Zielrichtung einer universalen „Schwesternschaft“ hat sich bereits seit langem vollzogen. Schon seit dem Beginn der 90er Jahre bildeten sich institutionalisierte Formen der Ent-Solidarisierung heraus. Im Mittelpunkt des heutigen Interesses von feministischen Theoretikerinnen steht der Blick auf die „multiplen weiblichen Identitäten“. Ein theoretischer Blick, der die Auseinandersetzung und Analyse mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit scheut und der die Ansätze „Feministischer Kritischer Theorie“ eindeutig vernachlässigt. (vgl. S. 12)
Kann der zerteilte Blick überhaupt noch befreiende, emanzipatorische Perspektiven freilegen?
Außerdem stellt sich die Frage, wie die einst von Teilen der Frauenbewegung erarbeitete Kritik- und Handlungsfähigkeit, auf die gesellschaftlichen Umstände der heutigen Zeitepoche bezogen, sinnvoll wiederbelebt werden kann. Der Hauptkritikpunkt Jutta Sommerbauers an den feministischen Differenz-DenkerInnen der Postmoderne ist, dass ihre Art des Diskurses und ihre Entwürfe einerseits zu einer endlosen Auseinandersetzung um die verschiedenen Identitätspolitiken wurden; andererseits habe die Beliebigkeit der „feministischen Debatte“ zu krassen Formen der Ent-Politisierung der Frauen geführt. „Hinsichtlich der politischen Praxis irren die Differenzen-Theoretikerinnen zwischen reformistischer Identitätspolitik, prekären Bündnissen und abstrakten Forderungen des Nicht-Zusammenschließens umher.
Zwischen den Rufen nach Anerkennung der Verschiedenheit und dem Bedürfnis nach Aufweichung/Vervielfältigung von Normen ist eine weiterreichende Orientierung ... abhanden gekommen.“ (S. 114) Aber welche Art von „weiterreichender Orientierung“ kann aus dem Phänomen der Zersplitterung der heutigen feministischen Theorien und ihrer praktischen Auswirkungen heraus helfen? Sind damit marxistische Orientierungen gemeint? Obwohl sich die Autorin zu einer neo-marxistischen Ausrichtung bekennt, in Anlehnung an Marcuse und Adorno, geht es ihr nicht um die Übernahme eines holistischen, universalistisch-gültigen Orientierungssystems. Um also Frauen nicht in die herrschenden Konzeptionen von Kapital, Staat oder Nation zu integrieren, da diese Konzepte die Formen der geschlechtsspezifischen Vergesellschaftung fortschreiben, ist es wichtig, eine Denkbewegung weg - von der Fixierung auf „positive Identitätsfindung“ - hin zu einer „negativ-kritischen Ausrichtung“ feministischer Theorie herauszubilden. (vgl. S. 119).
Plädoyer für eine feministische Gesellschaftstheorie und -praxis
Der Feminismus ist „... eine politische Theorie und Praxis, die die Befreiung von Unterdrückung, Ausbeutung und Marginalisierung der Frauen bzw. die umfassende Veränderung des von Herrschaft gekennzeichneten Geschlechterverhältnisses anstrebt.“ (S. 17) Diese von J. Sommerbauer verwendete Definition - in Anlehnung an die Thesen von Barbara Holland-Cunz (1996) und Elisabeth List (1989) - formuliert im Ansatz das, was unter einer „negativ-kritischen“ Gesellschaftstheorie zu verstehen ist.
„Feminismus ist ... sowohl in politisch-theoretischer als auch in praktischer Hinsicht Herrschaftskritik...“ (S. 17) Ein solches Verständnis von feministischer Politik arbeitet nicht mit den Methoden der Ausgrenzung und Herrschaft über die jeweils Anderen. Im Gegenteil: Es geht darum, „... jede Form von Unterdrückung zu überwinden, und nicht“... z. B. bestimmten „... Gruppen von Frauen innerhalb bestehender Strukturen mehr Raum zu verschaffen.“ (S. 17)
Dass es sich dabei um einen stark systemverändernden Ansatz kritischer Gesellschaftstheorie handelt, der basisorientiert ist und die Aspekte der herrschaftsfreien Kommunikation mit einbezieht, versteht sich dabei eigentlich von selbst.
Sarah Althäuser
Anmerkung:
(1) Die Autorin, Jutta Sommerbauer, geb. 1977 in Wien, Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Frauenforschung, arbeitet zur Zeit an einem Germanistischen Institut in Bulgarien. Veröffentlichungen in diversen Publikationen.
Rezension aus: Graswurzelrevolution Nr. 291, 33. Jahrgang, Juli 2004, www.graswurzel.net
Context XXI "Überhaupt tut es dem Buch gut, dass sich die Autorin im Gegensatz zu 'konstruktiven KritikerInnen' nicht ständig bemüßigt fühlt auf Alternativen zu verweisen oder mit fertigen Konzepten für einen neuen Feminismus aufzuwarten. Ihr Buch ist keine Handlungsanleitung für Feministinnen, sondern Kritik im besten Sinne des Wortes. Eine solche bezieht ihre Berechtigung aus sich selbst und ist damit beste politische Praxis in dürren Zeiten wie diesen." Context XXI
Auszug aus Context XXI 2-3/2004:
Thomas Schmidinger
Weiber Divan - Birgit Lang Inventur
Jutta Sommerbauer macht Inventur und inspiziert das feministische Theorie-Inventar der neunziger Jahre. In einem kleinen und überschaubaren Band gibt die Autorin einen Überblick über die postmodernen feministischen Debatten (Schwerpunkt Identitätspolitik und Dekonstruktion) und stellt die Sinnfrage: Was hat die stellenweise obsessive Auseinandersetzung mit Differenzen dem Feminismus gebracht, was war daran gut und was nicht?
Die Autorin bemängelt die Koalition zwischen Postmoderne und Feminismus, da diese zu einer Handlungsunfähigkeit geführt habe, die heute im Angesicht der Globalisierung keine Lösungen biete; das Verhältnis von Gleichheit und Differenz erscheine ungelöst, die Gerechtigkeit als Begriff fehle. Die Kulturalisierung des Sozialen wird zum Ablenkmanöver, das den gesellschaftlichen Herausforderungen nicht mehr gewachsen ist.
Sommerbauers Schlussplädoyer ist zuzustimmen, die „Notwendigkeit einer gesellschaftskritischen Begründung und Ausrichtung feministischer Theorie und Praxis“ ist mehr als einleuchtend. Davor gilt es sich jedoch von den Differenz-Grabenkämpfen zu erholen, ansonsten wird es schwer, dem Wunsch der Autorin zu genügen und das (Theorie-)-Ruder herumzureißen, um selbst (Theorie) bestimmend zu werden.
Birgit Lang
Jutta Sommerbauer - Differenzen zwischen Frauen Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus 133 Seiten, Unrast, Münster 2003
Jutta Sommerbauer: Differenzen zwischen Frauen Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus
Unrast-Verlag, Münster 2003, 136 S. 13,00 €
Die Autorin legt eine längst fällige Analyse zu Problemen vor, die Feministinnen heute trennen. Ausgehend von der These, dass das – bei weitem nicht ausreichende – bürgerliche Versprechen der abstrakten Gleichheit noch nicht eingelöst und als politischer Bezugspunkt gestrichen wurde, plädiert sie für einen Feminismus „jenseits von Identitätspolitik und Dekonstruktion“. Nicht jedoch will sie den Weg zurück, wo idealistische Wesensbestimmungen der Frau, der überzogene Universalismus des ‚Mittelschichtsfeminismus’, Ethnozentrisums oder simple Ignoranz zu Recht einer radikalen Kritik ausgesetzt wurden (S. 114). Die heutige Frauen- bzw. Geschlechterforschung habe jedoch eine Anbindung an die Anliegen der Frauenbewegung oder der feministischen Politik weitgehend verloren – es würden eigene spezialisierte und ausdifferenzierte Debatten geführt. Sie untersucht die Aussagen der postfeministischen Ideen, was es bedeute, wenn es „die Frau“ nicht mehr geben darf: in letzter Konsequenz eine Ergänzung der erstarkenden neoliberalen Ausrichtung der Politik, eine ideologische Absicherung der Flexibilisierungstendenzen, denen die Subjekte in der postfordistischen Phase zunehmend ausgesetzt seien. Postfeminismus wendet sich zum Antifeminismus und ruft – wie schon geschehen – Margaret Thatcher als Heldengestalt des britischen Feminismus aus.
In ihrem Buch zeichnet die Autorin die Entwicklung des Feminismus mit den jeweiligen Theorien nach und untersucht dann die unterschiedlichen Rezeptionen des postmodernen Feminismus in den USA und in deutschsprachigen Ländern. Die frühen KritikerInnen eines weißen Feminismus – schwarze und farbige Frauen – plädierten nicht für mehr oder differenziertere Identitäten, sondern forderten die Integration ihrer Lebenswirklichkeit und ihrer Anliegen, damit der Feminismus seinem Universalitätsanspruch nachkommen könne.
Wie kann jedoch ein neuer, wiederum politischer Feminismus aussehen? Den Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und der Emanzipation von Herrschaft – Fragen, die den übergreifenden Gesichtspunkt der Debatte um Gleichheit und Differenz bilden, müsse wieder unser Augenmerk gelten, beides Fragen, die weder von Dekonstruktion noch von partikularistischer Identitätspolitik beantwortet werden. Der Universalitätsanspruch des Feminismus verstehe sich als kritisches Werkzeug, das es wagt, die Totalität in den Blick zu nehmen. Der universale Anspruch liegt nicht in der (Selbst-)Identifikation mit einer positiven weiblichen Identität begründet, sondern in dem Willen zur Veränderung (der geschlechtlichen und anderen Konstruktionsregeln) der Gesellschaft. Feministisches Engagement arbeite an der Zerstörung der hierarchischen Beziehungen zwischen Frauen und Männern. Dazu brauche es keine positive Selbstidentifikation mit einem Kollektiv. Das feministische „Wir“ ist kein ewiges, ahistorisches Wir, sondern sein Bestehen leitet sich aus der objektiven, als nicht zufriedenstellend definierten gesellschaftlichen Situation ab, deren Aufhebung das Ziel ist. Sie bezieht sich hier auf zwei feministische Philosophinnen, Cornelia Klinger und Herta Nagl-Docekal (Literaturangabe anbei).
Das Buch ist nicht leicht zu lesen und stellt einige Ansprüche an die Leserin, aber es ist auch ein schwieriges Thema. Mir erscheint es ganz wesentlich und wichtig auch für das Selbstverständnis der Frauenbewegung, der mit diesen Ideen ihr nicht-essentialistisches, aber politisches, feministisches „Wir“ wiedergegeben werden könnte.
Aus dem Inhalt:
Feminismus als Kritik, Geschlecht und Geschlechterverhältnisse,
Inhaltliche Aspekte des postmodernen-feministischen Ansatzes,
Die Krise der Kategorien als Ausdruck der gesellschaftlichen Krise,
Differenzen zwischen Frauen: zur Kritik einer Debatte,
Feminismus jenseits von Identitätspolitik und Dekonstruktion.
Literatur
Nagl-Docekal, Herta (2000): Feministische Philosophie: Ergebnisse, Probleme, Perspektiven, Frankfurt/Main.
Klinger, Cornelia (2003): Ungleichheiten in den Verhältnissen von Klasse, Rasse und Geschlecht, in: Gudrun-Axeli Knapp/Angelika Wetterer (Hg.) (2003): Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik II, Münster.
Monika Jarosch
in: AEP-Informationen, feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft. Heft 2/2004, A-6020 Innsbruck.
Kontakt AEP: http://www.aep.at
Dieses Buch ist notwendig Tine Plesch über Jutta Sommerbauers "Differenzen zwischen Frauen" – eine Rezension
Grundsätzliches gleich vorweg: Dieses Buch ist notwendig. Ist doch der Feminismus dabei, sich zwischen Gender Mainstreaming und einer Quasi-Postmoderne zu verlieren. Letztere kommt meist in Gestalt eines "Hab ich doch nicht mehr nötig" daherkommt und leichthändig Push-up Bras mit Karrierechancen innerhalb eines immer noch patriarchal-kapitalistischen Systems kombiniert. Haben wir aber nötig – und zwar mehr denn je. Feminismus ist nach wie vor ein politisch notwendiges Projekt. Ausgehend davon, dass der etablierte "Staatsfeminismus" in Gestalt der Gleichstellungsbeauftragten und der Gender-Mainstreaming-Referate ein "eigenständiges Feld politischen Handelns" geworden ist, das mit der einst autonomen Frauenbewegung wenig zu tun hat, ausgehend davon, dass der österreichische Sozial- und Frauenminister Herbert Haupt 2001 eine Abteilung für Männer einrichtete, stellt Jutta Sommerbauer fest: "Obgleich das – bei weitem nicht ausreichende – bürgerliche Versprechen der abstrakten Gleichheit noch nicht eingelöst wurde, wird es als politischer Bezugspunkt gestrichen." Gerade dieser Tage scheint es also wichtiger denn je, den Feminismus wieder zu beleben - und das durchaus als "Grosstheorie." Zuvor aber scheint es wichtig, die Lage zu sichten, Vergangenges zu reflektieren. Welche Strömungen und Diskussionen gibt es, was haben Feminismus und Postmoderne miteinander zu tun, was ist Identitätspolitik und worum geht es bei den titelgebenden Differenzen?
Der Feminismus hat sich zersplittert: in die genannten professionellen Bereiche - zu denen auch die Vertreterinnen der NGOs als globale Spielerinnen gehören -, in einen wissenschaftlichen Feminismus und in die mehr oder minder selbstausbeuterische Praxis der letzten autonomen Frauenräume zwischen Buchladen und Frauenhaus. Der "mediale dernier cri" ist der Postfeminismus, der es chic findet, Tabus zu brechen und damit gegenläufige Tendenzen verstärkt, eine "ideologische Wirkung, die sich nicht zufällig mit der erstarkenden neoliberalen Ausrichtung der Politik gut ergänzt(e)." Die Verbindung zwischen Feminismus und Popkultur in Form des "Postfeminismus" ist weitgehend schiefgegangen. Es bejaht ein sich Einrichten in den bekannten Verhältnissen, mit individuellen Ellenbogen und täuschender, rein konsumistischer Sexyness und kippt gar ins Antiemanzipatorische, wenn uns dann zu guter Letzt Margaret Thatcher als Heldengestalt des britischen Feminismus serviert werden soll. Das Betonen der Differenzen hat sich langfristig als negativ erwiesen.
Mythische Assoziation von Fortschrittlichkeit
Jutta Sommerbauer zeichnet die Entwicklung des Feminismus anhand der jeweils aktuellen Theorien nach, geht auf die Versuche ein, "Theorie –Ehen" z.B. zwischen Feminismus und Marxismus zu schließen, untersucht die unterschiedlichen Rezeptionen des postmodernen Feminismus in den USA und in deutschsprachigen Ländern und geht sehr ausführlich auf die Differenz-Debatte ein. Das ist sinnvoll, denn einiges scheint mittlerweile aus dem Blick geraten. Das führt zu Fehlinterpretationen, wie Sommerbauer am Beispiel der Ursprünge der "Differenzdebatte" zeigt: die frühen KritikerInnen eines weißen Feminismus – schwarze und farbige Frauen – plädierten nicht für mehr oder differenziertere Identitäten, sondern forderten die Integration ihrer Lebenswirklichkeit und ihrer Anliegen, damit der Feminismus seinem Universalitätsanspruch nachkommen könne – mit anfangs durchaus klassenkämpferischem Ansatz. Andererseits: nicht alles, was eilig als überholt erklärt wird – z.B. Frauen als politisches Kollektiv - ist wirklich sinnlos. Was nicht heißt, essentialistischen Bestrebungen Raum zu bieten. Dennoch: was da gerne als radikaler Differenzdiskurs daherkommt und Anspruch darauf erhebt, jedweder Identitätsmöglichkeit Raum zu geben, bis hin zu einer "dubiosen Vielheit", mag vielleicht radikal wirken, depolitisiert letztlich aber. Zumal jene "dubiose Vielheit", wie Sommerbauer anmerkt, problematische Identitäten wie die konservative alleinerziehende Mutter und solche ohne kulturelles Kapital wie die arbeitslose Underclass-Rassistin ausschließt. Also muss wohl die Postmoderne ihrer nahezu mythischen Assoziation von Fortschrittlichkeit entkleidet werden, um eine kritisch-feministische Perspektive einzunehmen, die über den different-dekonstruierten Identitäten nicht vergisst, dass "feministisches Engagement an der Zerstörung der hierarchischen Beziehungen zwischen Frauen und Männern" arbeitet. Andererseits müssen sich auch die Gleichheitsforderungen an ihrem emanzipatorischen Charakter messen lassen: "Geht die Anbindung an eine feministische Gesellschaftskritik verloren, bezwecken [Gleichheitsforderungen] lediglich eine gleichberechtigte Integration in den Prozess der – patriarchal strukturierten – kapitalistischen Verwertung, d.h. eine tendenzielle "Vergleichgültigung" der Geschlechter im Bestehenden." Wie fast alle linken Bewegungen und Theorien hat auch der Feminismus unter dem Eindruck des Zerfalls der alten Lager den Entwurf einer umfassenden, radikal gesellschaftsverändernden Perspektive aufgegeben. Das aber soll nicht so bleiben – im Nachwort deutet Sommerbauer an, wie eine sinnvolle Bündnispolitik funktionieren könnte: "... internationale Kampagnen wie die "Clean Clothes-Kampagne, die die schlechten Arbeitsbedingungen der mehrheitlich von Frauen dominierten internationalen Bekleidungsindustrie in der Peripherie zum Thema machte und versuchte, gesamtgesellschaftliche Analysen der ökonomischen Globalisierung mit der wachsenden Ungleichheit zwischen Frauen zusammenzudenken, sind ein Schritt in die richtige Richtung." Feminismus müsse gesellschaftskritisch begründet und ausgerichtet sein, ohne "pseudoradikale Forderungen an den Staat" zu stellen, meint Sommerbauer. Die Leserin und der Leser dürfen nach der Lektüre, die nicht ganz unanstrengend ist, aber immer lohnt, allerdings erstmal ihre eigenen Vorstellungen von Feminismus hinterfragen, überdenken und dann neue entwerfen. Das wäre doch fein!
Tine Plesch
aus: raumzeit Nr. 26, Tine Plensch
http://www.raumzeit-online.de/112003/artikel187.html