Cover in groß "Mit dem Konflikt leben!?"
Irit Neidhardt (Hg.)

Mit dem Konflikt leben!?

Berichte und Analysen von Linken aus Israel und Palästina


ISBN: 3-89771-010-2
Ausstattung: br., 168 Seiten
Preis: 14.00 Euro


Rezensionen:

"Jenseits der einfachen Wahrheiten
... Spannend sind nicht nur die unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch die Schnittmengen unter ihnen, etwa die feministischen Allianzen palästinensischer und jüdischer Frauen in Israel, oder Misrahim, die ihre 'Enteignung' mit der der Palästinenser vergleichen.
Was die Texte so authentisch macht, ist die Frage nach der eigenen Identität, die fast alle Autoren umtreibt. (...)"
Jüdische Allgemeine, Jüdische Literatur Sachbuch


"... das Buch eröffnet persönliche Perspektiven, die in dieser Form zumindest in Deutschland selten präsent sind. (...) Ihr Wert besteht in neune Einblicken und Denkanstößen, die weit über die tagespolitischen und diplomatischen Dimensionen des Konfliktes hinausgehen."
René Wildangel, Zentrum Moderner Orient, Berlin – in IPG 4/2004

Inamo - Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten - Beate Hinrichs


Die Entstehungsgeschichte des Buches ist bezeichnend: Herausgeberin Irit Neidhardt las in einer linken deutschen Wochenzeitschrift eine mehrteilige Serie über die zweite Intifada. Alle Artikel waren von deutschen Linken verfasst - aber fast niemand von ihnen war jemals in Israel oder Palästina gewesen. Irit Neidhardt bot der Zeitung Stimmen von Betroffenen an, aber sie paßten den Blattmachern nicht ins Konzept.
Dabei wäre natürlich genau diese Sachkenntnis bitter nötig; für eine sinnvolle Diskussion über den Nahostkonflikt ebenso wie für die Auseinandersetzung über den immer unverfrorener auftretenden Antisemitismus in Deutschland.
Um so erfreulicher ist es, daß Irit Neidhardt die abgelehnten Texte nun in dem vorliegenden Band veröffentlicht hat. Die Politologin und Kulturwissenschaftlerin ist prädestiniert, eine Lanze für Differenzierung und Versachlichung zu brechen: Nach mehreren Jahren im Nahen Osten hat sie zahlreiche israelische und palästinensische Filmfestivals organisiert und ein Buch über Antisemitismus in der deutschen Linken mitverfaßt.
„Mit dem Konflikt leben!?“ wagt etwas, das zur Zeit immer seltener, immer schwieriger und darum immer wichtiger wird: den Dialog. Das Spannende daran ist, daß ihn hier mehr als nur zwei Seiten führen. Zu Wort kommen aschkenasische (aus Europa stammende) jüdische Israelis, orientalische Jüdinnen (Mizrahim), Palästinenser und Palästinenserinnen mit israelischer Staatsangehörigkeit und arabische Bewohner von Westbank und Gaza. Zwischen Alltag und Analysen machen ihre Texte vor allem deutlich, wie groß die Unterschiede sind innerhalb der Bevölkerungsgruppen, die wir oft als homogen wahrnehmen oder die uns - aus welchen Gründen auch immer - als homogen präsentiert werden.
Ella Habiba Shohat beispielsweise, aus dem Irak stammende Jüdin und streitbare Professorin für Kulturelle und Frauenstudien an der New York City University, klagt den Zionismus als rassistische Unterdrückung aller nicht-europäischen Juden und Jüdinnen an, weil er nur die aschkenasische Kultur als die einzig wahre jüdische akzeptiere - eine Wertung, die sich in israelischen Medien, aber eben auch in der europäischen und US-amerikanischen Wahrnehmung spiegelt. Die orientalische Jüdin Anna Sherbany geht noch einen Schritt weiter; sie fühlt ihre Identität nicht angemessen geachtet, solange "Leiden als hierarchisierendes Attribut" verwendet wird. Die Debatte über Mizrahi-Kultur ist vergleichsweise jung; gerade kommt eine erste cineastische Umsetzung mit der Dokumentation „Forget Baghdad“ des im Irak geborenen Filmemachers Samir in die deutschen Kinos. Neben vier irakisch-jüdischen (Ex-)Kommunisten in Israel ist darin auch Ella Habiba Shohat zu hören und zu sehen. Sie kritisiert die Zerstörung der arabischen Identität der orientalischen Juden in Israel. Nachdem orientalische Juden erst zu „Araberhassern“ umerzogen worden seien, so Shohat, habe die Linke sie auch noch als bornierte Parteigänger des Likud diffamiert und zu Sündenböcken für das Scheitern des Friedensprozesses gestempelt.
Ha'aretz-Korrespondentin Amira Hass hingegen ist die politisch-ideologische Abqualifizierung des Zionismus als kolonialistisches Konzept zu platt. Sie, Tochter von rumänischen Holocaust-Überlebenden und die einzige jüdisch-israelische Journalistin, die in den Besetzten Gebieten lebt, schildert die tägliche Unterdrückung der Palästinenser aus eigener Anschauung. In ihren Augen hat gerade der Holocaust dazu geführt, daß „die zionistische Lösungsformel von den meisten Juden akzeptiert“ wurde.
Herbe Kritik üben Autoren und Autorinnen verschiedener Herkunft aber auch an der palästinensischen Führung, die sich bei Verhandlungen mit der israelischen Regierung politisch über den Tisch ziehen lasse und dies der eigenen Bevölkerung noch als Erfolg verkaufe, ebenso wie an den kommunalen Komitees, die die Palästinenser und Palästinenserinnen in Israel vertreten. Die Feministin und Friedensaktivistin Nabila Espanioly schließlich analysiert, wie palästinensische Frauen in Israel auch von ihrer eigenen Gesellschaft unterdrückt werden.

Spannend sind nicht nur die unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch deren Schnittmengen: Die feministischen Allianzen palästinensischer und jüdischer Frauen in Israel; Mizrahim, die ihre „Enteignung“ mit der der Palästinenser vergleichen; Palästinenser und Palästinenserinnen, die aus Europa oder den USA in die Besetzten Gebiete heimgekehrt sind und Schuldgefühle gegenüber den noch im Exil Lebenden haben.
Ein krasses Beispiel für die unübersichtlichen nahöstlichen Realitäten ist die - wahre - Geschichte von David und Monther, die der palästinensische Filmemacher Subhi al-Zobaidi erzählt: Halbbrüder sind sie, der Jude und der Muslim, Söhne einer syrischen Jüdin, die in zweiter Ehe einen Palästinenser geheiratet hat. David lebt in einer jüdischen Siedlung in der Westbank, Monther in einem nahegelegenen Flüchtlingslager. Als der palästinensische Sicherheitsdienst beide festnimmt, weil er sie der Kollaboration mit dem israelischen Geheimdienst verdächtigt, kommt David frei, weil er sich entscheidet, fortan bei seiner Mutter im palästinensischen Flüchtlingslager zu bleiben.

Was die Texte so authentisch macht, ist die Frage nach der eigenen Identität, die fast alle Autoren und Autorinnen umtreibt. Würden die differenzierten Antworten wahrgenommen und respektiert - an den verhärteten Fronten in Israel und Palästina ebenso wie bei den Schwarz-Weiß-Malern hierzulande -, ließe das Hoffnung auf eine politische Lösung in Israel und Palästina aufkeimen. Für die Autoren dieses Bandes liegt ein Teil der Lösung darin, „Israel politisch und auch kulturell im Nahen Osten zu verorten“: Zum einen, weil die Bevölkerungsmehrheit aus dem Nahen Osten stammt; vor allem aber sehen sie darin eine unabdingbare Voraussetzung für einen Frieden.
Beate Hinrichs - inamo.de


Analysen von Linken aus Israel und Palästina
"Der israelisch-palästinensische Konflikt obliegt in vielfacher Hinsicht der Instrumentalisierung für spezifische machtpolitische wie ideologische Interessen. Nicht zuletzt sind auch die hiesigen Diskussionen in der Linken davon geprägt, moralischen Distinktionsgewinn durch Parteinahme für die eine oder andere Seite zu erzielen und dafür den Holocaust oder das Leid der palästinensischen Bevölkerung zu instrumentalisieren. Die inneren Widersprüchlichkeiten des Konfliktes und auch die Meinung der direkt davon betroffenen Menschen werden hierbei meist gar nicht zur Kenntnis genommen.
Im Unrast-Verlag ist ein Buch erschienen, das diesen Instrumentalisierungen dadurch begegnet, dass Linke aus Israel und Palästina selbst Stellung zum Konflikt beziehen. Trotz höchst unterschiedlicher Zugänge und Bewertungen sind sich die AutorInnen darin einig, dass es eine friedliche Zukunft im nahen Osten nur dann geben kann, wenn über den Rahmen des Nationalstaates hinaus gedacht und gehandelt wird.
Ursprünglich geplant waren die einzelnen Beiträge des Sammelbandes als Dossier-Reihe in der Wochenzeitung Jungle World. Da sie jedoch wohl nicht in die - mehrheitlich antideutsch/pro-israelisch ausgerichtete - Linie dieser Zeitung passten, wurden sie nach Fertigstellung nicht abgedruckt.
Nun liegen sie - inhaltlich erheblich erweitert - in Buchform vor."
AL C., terz
www.terz.org



"Autorinnen und Autoren, die zum Thema wirklich etwas zu sagen haben. Sie ergänzen sich in der Beschreibung schwieriger Realität auf beiden Seiten, die mit üblichen Begriffen kaum genau dargestellt werden kann, und geben so nützliche Hintergrundinformationen."
Neve Sahlom Wahat al-Salam, Mai 2003

"Die Aufsätze sind von unterschiedlichen Erfahrungen geprägt. Gemeinsam ist ihnen die Forderung nach gegenseitigem Verständnis für die jeweils eigene Geschichte."
Auszug aus der Rezension von Herbert Lindenlaub, ekz-Informationsdienst
Einkaufszentrale der deutschen Bibliotheken




Klappentext
Israel und Palästina stehen kontinuierlich im Rampenlicht, das Interesse an Auseinandersetzung sowie die Berichterstattung sind gerade seit Beginn der zweiten Intifada beträchtlich und vielfältig. Hintergrundinformationen von Menschen, die mit dem Konflikt leben bleiben jedoch oft rar. In diesem Sammelband kommen Linke aus Israel und Palästina zu Wort und beleuchten die Themen, die hinter dem Konflikt stehen. Sie geben einen Einblick in ihre Inhalte und Auseinandersetzungen und schließen eine Lücke in der hiesigen Berichterstattung.

aus dem Inhalt
Teil I
Tötlicher Friede – Tanya Reinhardt
Palästina: Eine Geographie der nicht besetzten Gebiete. Die Geschichte von David und Monther – Sobhi al-Zobaidi
Palästina/Israel: Die visionäre Macht einer einfachen Formel. Die Grüne Linie als Eiserner Vorhang – Sobhi al-Zobaidi
Israel und Palästina: Die Utopie einer normalen Zukunft. Ein Geschenk und seine Tücken – Amira Hass
Nazareth 2000 – Hany Abu Assad

Teil II
Mizrahim in Israel: Zionismus aus der Sicht seiner jüdischen Opfer – Ella Habiba Shohat
Identität aus Versatzstücken – Anna Sherbany
Palästinensische Frauen in Israel – Identität angesichts der Besatzung – Nabila Espanioly
„Nichts mehr zu verlieren“ – Ein Interview mit Jamal Zahalqa – News From Within
Wenn die Exilierte Heimat filmt – Azza El-Hassan

Anhang mit weiterführender Literatur, Filmen und websides
Die AutorInnen
Quellennachweise



Vorwort
Den Anstoß zu diesem Buch hat die Reihe »Disco« der Wochenzeitung jungle world gegeben; über mehrere Ausgaben veröffentlichte die Zeitung im Frühjahr 2001 Hintergrundberichte über die Intifada. Sämtliche Artikel stammten aus der Feder deutscher Linker, die, wie sich bei einem Gespräch mit dem zuständigen Redakteur herausstellte, zum größten Teil weder in Israel noch in den von ihm besetzten Gebieten gewesen sind. Die Perspektive war zwangsläufig eine europäische im Allgemeinen und eine deutsche im Besonderen. Stimmen von Menschen, die in dem Konflikt leben, fehlten. Gemeinsam mit der jungle world entwickelte ich ein Konzept für eine Reihe von Dossiers, die diese Lücke schließen sollten. Es ging um Fragen wie: was heißt nicht-zionistisch links? Was sind linke palästinensische Positionen? Unter welchen Bedingungen haben jüdische Gemeinden in den arabischen Ländern gelebt? Welche Positionen gibt es zu arabischem Antisemitismus? Welche Lösungen stellen sich linke israelische und palästinensische Gruppen für den Konflikt vor? Bei der Recherche nach passenden Texten wurde sehr schnell deutlich, dass es sie so, wie wir sie wollten nicht gab und spezielle Artikel extra hätten geschrieben werden müssen. Die zahlreichen Veröffentlichungen, die AktivistInnen aus Israel und den besetzten Gebieten verfasst haben, entsprachen nicht den Vorstellungen der jungle world für das Dossier und so ist es in der Zeitung nie erschienen. Die Texte in diesem Sammelband wurden ursprünglich für das Dossier zusammengestellt, sie beantworten die oben gestellten Fragen auf eine Art, wie ›wir‹ sie vielleicht nicht erwarten und wie Menschen vor Ort sie geben. Damit die Antworten dennoch zugänglich werden, ist dieses Buchprojekt entstanden.

Ich möchte mich bei allen AutorInnen bedanken, dass sie ihre Artikel für dieses Buch zur Verfügung gestellt haben, Nabila Espanioly hat ihren Text aktualisiert, Anna Sherbany ihren Beitrag für dieses Buch verfasst, dafür ganz besonderen Dank. Weiter haben mich Willi Bischof, Martin Schüring, Armin Köhli, Elisabeth Wellershaus, Gerry Waite, Dorit Na’aman, Norbert Mattes, Khalil Toama, Ellen Rohlfs, Meir Gal, Alexander Feuerherdt und Frank Lohscheller bei der Erstellung dieses Sammelbandes unterstützt.
Thea Geinitz und Anja Zückmantel haben den Großteil der Texte aus dem Englischen übertragen. Ohne ihr Mitwirken wäre das Buch nicht zustande gekommen, ihnen allen gilt mein Dank.
Mein ganz spezieller Dank geht an Marion Kubetzka. Sie hat mich bei der Herausgabe des Buches von Anfang an begleitet, alle Versionen und alle Texte gelesen, kommentiert und korrigiert, kritische Fragen gestellt und wertvolle Anmerkungen gemacht.


Einleitung
Mit dem Konflikt leben?! trägt Stellungnahmen, Berichte und Analysen vom Menschen zusammen, deren Leben ganz konkret von der Situation in Israel und Palästina bestimmt wird. Das Buch gibt einen Einblick in ihre Inhalte und Auseinandersetzungen. Im Mittelpunkt stehen die Themen, die sich hinter dem Konflikt verbergen und in den Osloer Verträgen zwischen Israel und der PLO keine Berücksichtigung gefunden haben.

Präzise oder eindeutige Begriffe für das Territorium und den Konflikt zu finden ist unmöglich. Alle haben politische Implikationen, die – gewollt oder ungewollt – eine Missachtung bedeutender Bevölkerungsgruppen mit sich bringen und den verschiedenen Ebenen sowie den Machtkonstellationen in dieser Kontroverse nicht gerecht werden. Besonders problematisch in der aktuellen politischen Situation ist der Begriff Intifada, Volksaufstand, aus zwei Gründen: zum einen unterscheidet sich diese Intifada ganz wesentlich von der ersten (1987-1993), da sich die Bevölkerungs- und Machtstruktur innerhalb der palästinensischen Gemeinschaft verändert hat. In den Vereinbarungen zwischen Israel und der PLO wurde festgelegt, dass Polizeieinheiten und andere Sicherheitskräfte nicht aus der Bevölkerung vor Ort rekrutiert werden, sondern dass mehr oder weniger paramilitärische Einheiten aus dem Exil diese Aufgabe übernehmen sollten. Diese Einheiten von Rückkehrern haben als Vertreter einer Regierung wichtige Funktionen der Intifada übernommen1 , womit die Idee des Volksaufstandes zumindest teilweise unterlaufen wurde. Die ursprüngliche Intifada richtete sich nicht nur gegen die Besatzung, sondern auch gegen die palästinensische Autonomiebehörde, die es nicht geschafft hat, in siebenjährigen Verhandlungen bessere Lebensbedingungen für die Bevölkerung zu erreichen. Zum anderen impliziert der Begriff nicht nur, dass die Aktion von palästinensischer Seite ausgeht, sondern dass auch die Gewalt auf der palästinensischen Seite zu verorten sei. Beide Seiten üben Gewalt aus, wobei die militärischen Mittel ungleich sind. Konflikt oder Kontroverse verharmlosen das tägliche Töten, und Krieg unterstellt, dass sich zwei Armeen bekämpfen, was in diesem Fall so nicht stimmt. Die eine Seite verfügt über eine moderne Kriegsmaschinerie, die andere über Steine und lebende Bomben.
Auch das Territorium zu benennen fällt schwer. Wenn der Begriff Israel vielleicht noch die palästinensische Bevölkerung mit einschließt, steht das Adjektiv israelisch in aller Regel exklusiv für jüdisch. Es gibt noch israelische AraberInnen, wobei hier das Wort palästinensisch bereits bewußt vermieden wird. Palästina bezeichnet historisch ein Land, in Folge der Besatzung der West Bank, des Gaza Streifens und der Golan Höhen von 1967 hat sich seine Bedeutung jedoch in ein Synonym für Kampf um Befreiung und Selbstbestimmung allgemein gewandelt, um sich dann im Zuge der Verhandlungen zwischen der PLO und der israelischen Regierung und der Installation der palästinensischen Autonomiebehörde wieder konkret auf Land zu beziehen; oft auf die West Bank und den Gaza Streifen, je nach Sprechort mit unterschiedlichen Grenzen – und entsprechend inklusive oder exklusive Ost-Jerusalems – manchmal auch auf das historische Palästina. Bezieht sich Palästina auf die West Bank und den Gaza Streifen, bleibt auch hier die palästinensische Bevölkerung mit israelischer Staatsangehörigkeit ausgeklammert, genauso wie die palästinensischen Flüchtlinge, die nicht auf dem entsprechenden Land leben. Des Weiteren wird Israel in der Regel mit Westen assoziiert und Palästina mit Osten, ›Orient‹ oder Levante. Diese primär kulturelle Differenzierung negiert die Bevölkerungsmehrheit der Jüdinnen und Juden aus arabischen Ländern ebenso wie die palästinensische Bevölkerung in Israel. Israel und Palästina beinhaltet die Anerkennung eines zu gründenden palästinensischen Staates und negiert gleichzeitig hegemoniale Unterschiede. Israel/Palästina oder Palästina/Israel steht für die Utopie eines bi-nationalen Staates, die in immer weitere Ferne zu rücken scheint.
Dennoch, für alle in diesem Band versammelten AutorInnen setzt eine friedliche Zukunft voraus, »dass die politische Entwicklung nach und nach über die Logik des Nationalstaates hinausdängt«2 und Israel bereit ist, sich in den Nahen Osten zu integrieren.
Israel im Nahen Osten zu verorten, ist auch ein wesentliches Anliegen dieses Buches. Bei der Lektüre wird schnell deutlich werden, dass die Mehrheit der Bevölkerung sowie der Bevölkerungsgruppen aus dem Nahen Osten stammen. In Deutschland ist eine Sicht auf Israel und auf den Konflikt zwischen Israelis und PalästinenserInnen dominant, die in aller Regel durch die Erfahrung – und die damit verbundenen Schuldgefühle – der Shoah geprägt ist. Sie drängt nicht selten Menschen, deren direkte historische Erfahrungen nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun haben, ›unsere‹ daraus resultierende Moral auf; eine Universalisierung des Nationalsozialismus, die die Erben der TäterInnen und MitläuferInnen in gewisser Weise entlastet, indem sie von anderen erwarten, ihre Lehren umzusetzen.
Israel politisch und auch kulturell im Nahen Osten zu verorten, bedeutet einen Perspektivwechsel, der sowohl den Menschen, die mit dem Konflikt leben, gerecht wird als auch unerwartete Lösungsmöglichkeiten eröffnet, ohne die Erfahrungen und Folgen der Shoah zu leugnen.

Im ersten Teil des Buches sind Artikel zu finden, die sich unmittelbar auf die Intifada beziehen und die Geschehnisse in einen größeren politischen, historischen und kulturellen Rahmen einordnen. Sie sind von RepräsentantInnen der Gruppen verfasst, die auch hierzulande mit der Intifada assoziiert werden: ashkenazische (aus Europa kommende) jüdische Israelis und PalästinenserInnen aus der West Bank.
In Tödlicher Friede zeichnet Tanya Reinhart die Folgen der Osloer Abkommen (im Folgenden: Oslo) für die palästinensische Bevölkerung im Gaza Streifen und in der West Bank nach und analysiert, warum die Camp-David-Verhandlungen im Sommer 2000 zum Scheitern verurteilt waren. Ihr Beitrag fasst die unmittelbaren Ursachen für den Beginn der zweiten Intifada zusammen. Sobhi al-Zobaidi berichtet in Palästina: Eine Geographie der nicht besetzten Gebiete. Die Geschichte von David und Monther und in Palästina/Israel: Die visionäre Macht einer einfachen Formel. Die Grüne Linie als Eiserner Vorhang über die Absurdität des Alltags in der West Bank nach Oslo und analysiert die kolonialen Funktionsmechanismen des Konflikts und seiner Eskalation. Nazareth 2000 ist die Rede, die Hany Abu-Assad, Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit, während der Intifada auf dem Internationalen Film Festival Jerusalem, das de facto ein Festival West-Jerusalems ist, gehalten hat. Ein Text also, der einen direkten ›Dialog‹ während der gewalttätigen Auseinandersetzungen dokumentiert. Amira Hass, die einzige jüdisch-israelische Journalistin, die in den besetzten Gebieten lebt, argumentiert in Israel und Palästina: Die Utopie einer normalen Zukunft. Ein Geschenk und seine Tücken auch vor dem Hintergrund der Shoah, warum das palästinensische Votum für eine Zwei-Staaten-Lösung ein Geschenk an die israelische Seite ist.
Im zweiten Teil des Buches sind Texte zusammengetragen, die tiefer auf die Themen eingehen, die hinter dem Konflikt stehen: die Situation der PalästinenserInnen in Israel und der Mizrahim, der Jüdinnen und Juden aus arabischen/islamischen Ländern, sowie Fragen, die mit der ›Rückkehr‹ von PalästinenserInnen aus dem Exil zu tun haben. All diese Fragen werden bereits in den Texten des ersten Teils angesprochen. Für ein tieferes Verständnis des Konflikts und besonders hinsichtlich seiner langfristigen und gerechten Lösung sind sie unausweichlich. Ella Habiba Shohat hat ihre Analyse Mizrahim in Israel: Zionismus aus der Sicht seiner jüdischen Opfer 1987 verfasst, 1997 wurde sie in der Zeitschrift News from Within aus Jerusalem wieder aufgelegt und hat auch bis heute nicht an Aktualität verloren. Sie ist eine von Shohats frühen Texten zur Situation der Jüdinnen und Juden aus arabischen Ländern und gilt heute als ein Grundlagentext in dieser Forschungsrichtung. In dem Beitrag Identität aus Versatzstücken stellt Anna Sherbany die Frage, wie das kollektive Gedächtnis der Shoah und die persönliche Geschichte als arabische Jüdin, deren Angehörige nicht von der Vernichtungspolitik der Nazis betroffen waren, ihre Identität beeinflusst haben. Palästinensische Frauen in Israel – Identität angesichts der Besatzung von Nabila Espanioly zeichnet die politischen, sozialen und ökonomischen Veränderungen der palästinensischen Gesellschaft im heutigen Israel seit der osmanischen Besatzung nach und analysiert die Auswirkungen in Bezug auf die palästinensische Gesellschaft in Israel im Allgemeinen und die Situation der Frauen im Besonderen. In ihrem Interview mit Jamal Zahalqa fragt die News From Within nach den Hintergründen und der Motivation für die zunehmende politische Mobilisierung der palästinensischen Studierenden in Israel sowie nach den unterschiedlichen politischen Zielen. Azza El-Hassan setzt sich in Wenn die Exilierte Heimat filmt mit der Wahrnehmung von Heimat aus der Perspektive des Exils und ihrer Veränderung nach der Rückkehr auseinander.

Die Artikel sind so ausgewählt, dass sie sich aufeinander beziehen und durch ihre Komposition eine Art Gespräch zwischen den verschiedenen Gruppen entwickelt. Somit entstehen für den westlichen Blick eher ungewohnte Koalitionen.
Während z.B. Ella Shohat und Anna Sherbany als arabische Jüdinnen darum ringen, dass ihre Geschichte sowohl in Israel als auch in anderen westlich-jüdischen Communities wahrgenommen wird, beklagt Amira Hass, dass die Diskriminierung der Jüdinnen und Juden in Europa sowie die Shoah über Jahre in der arabischen und linksradikalen westlichen Auseinandersetzung mit israelischer Politik keine Rolle gespielt hat. Beide Seiten fordern quasi voneinander die jeweils eigene Geschichte anzuerkennen.
Anders als Sobhi al-Zobaidi, der seit Beginn der 2. Intifada den Kontakt mit Israelis größtenteils eingestellt hat – abgesehen davon, dass ihm der Zugang in israelisches Gebiet zur Zeit ohnehin untersagt ist und kaum Israelis in die Besetzten Gebiete fahren – leben Nabila Espanioly, Jamal Zahalqa und Hany Abu-Assad3 als PalästinenserInnen in Israel und haben automatisch täglichen Kontakt mit Israelis. Für sie wird es hingegen immer schwieriger, den Kontakt zu den PalästinenserInnen in den Besetzten Gebieten aufrecht zu halten.
Der koloniale Charakter des zionistischen Siedlungsprojektes hat für alle AutorInnen, die aus dem Nahen Osten kommen eine wesentliche Zerstörung ihrer Kultur mit sich gebracht. Ihr Sprechort ist ein sehr persönlicher, sie machen die Wunden sichtbar, die ihnen zugefügt wurden. Die beiden ashkenazischen Autorinnen hingegen schreiben wesentlich analytischer über andere und weniger von sich.
Im Sinne dieser Beispiele hinterfragt Mit dem Konflikt leben?! die nationalen und nationalistischen Konstrukte Israels und der PLO auf deren wackeliger Basis aktuell nach Friedenslösungen gesucht wird.


Anmerkungen:

1 Die Einheiten sind leicht bewaffnet – im Gegensatz zu Israel verfügt die palästinensische Autonomiebehörde jedoch weder über Panzer noch über Apache-Hubschrauber.
2 Amira Hass in diesem Band.
3 Hany Abu-Assad ist im Sommer 2001 nach Ost-Jerusalem, also den palästinensischen Teil der Stadt umgezogen. Er lebt heute vornehmlich in einem palästinensischen Umfeld.


Die Herausgeberin
Irit Neidhardt, Jahrgang 1969, Politikwissenschaftlerin, lebte mehrere Jahre im Nahen Osten, arbeitet zur Zeit als freie Kulturwissenschaftlerin vor allem im Medienbereich, u.a. organisierte sie diverse israelisch/palästinensische Filmfestivals, Mitherausgeberin und Co-Autorin von »Wir sind die Guten« (Unrast Verlag 2000).