
Angesichts des verheerenden Zustands der linken Bewegung hierzulande, schien der ab den neunziger Jahren aufkommende antideutsche Diskurs zweierlei miteinander zu verbinden: Selbstkritik der oftmals nationalistischen und populistischen Linken auf der einen und eine Schärfung der Kritik des Bestehenden auf der anderen Seite. Nichts von dem trat ein, vielmehr steht die antideutsche Linke für einen affirmative turn innerhalb der Linken generell. Eine radikale Kritik der herrschenden Verhältnisse wird nicht umhinkommen, das antideutsche Phänomen als Teil des Mainstreams im sektenhaften Gewand zu erkennen.
Versammelt werden hier Stimmen von frühen KritikerInnen am antideutschen Phänomen und von denjenigen, die eine praktisch und theoretisch Beschäftigung mit ›antideutschen‹ Themenfeldern teilen: Ablehnung von Deutschland als post-faschistischer Gesellschaft, Anti-Nationalismus, Kritik des (linken) Antisemitismus… Doch einig sind sich sämtliche VerfasserInnen, dass mit der antideutschen Ideologie eine radikale Infragestellung des Bestehenden nicht zu haben ist, vielmehr in zugespitzter Form reine Affirmation herrschender Verhältnisse ist.
Mit Beiträgen von: Ilse Bindseil (Berlin), Sektiererische Reflexion und korrektes Denken –
Versuch einer philosophischen Identifikation
Michael Koltan (Freiburg), »talkin’ ‘bout my generation«.
Ein Beitrag zur Genealogie des Anti-Deutschen-Syndroms
Jürgen Behre/Thomas Gehrig/Nadja Rakowitz/Thomas Schweier,
Avantgarde der Ideologie.
Eine Kritik der theoretischen Voraussetzungen und Implikationen der ISF
Bernhard Schmid (Paris), Urlaub von den bahamas. Vom Produkt der Linken zur antitotalitären Sekte
Detlef Hartmann (Köln), »Unamerican«. Die Funktion des Antiamerikanismusdiskurses in der neuen Etappe des Klassenkampfs.
Holger Schatz (Freiburg), "Die Welt aushalten lernen".
Neoliberale Formierung des Selbst und linke Marktapologetik
Moshe Zuckermann (Tel Aviv), Was heißt: Solidarität mit Israel?
Marcus Mohr/Sebastian Haunss (Berlin/Hamburg),
Die Autonomen und die (anti)deutsche Frage
Wolf Wetzel (Frankfurt),Vom linken Bellizismus der 90er Jahre bis zur
antideutschen Kriegsführung
Gazi Caglar (Göttingen), Islamo-Faschismus und kritisches Unterscheidungsvermögen.
Über die kapitalistische Zivilisation als Barbarei und den Kampf der Kulturen
Gerhard Hanloser (Freiburg), Bundesrepublikanischer Linksradikalismus und Israel - Antifaschismus und Revolutionismus als Tragödie und als Farce
»Die Gefahr des islamisierten Antisemitismus« -
Interview mit Michael Kiefer
Autorinnen und Autoren: Jürgen Behre
wurde 1959 geboren, er studierte Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main und ist Mitglied der Marx Gesellschaft, 2004 erschien bei VSA: Volkssouveränität und Demokratie.
Ilse Bindseil,
1945 geboren, lebt in Berlin als Lehrerin und Autorin, Redakteurin bei »Ästhetik und Kommunikation«. Philosophie, Gesellschaftstheorie und »schöner« Literatur gilt ihr Interesse. Sie veröffentlichte u.a.: »Elend der Weiblichkeit, Zukunft der Frauen«, »Marielle und die Revolution. Ein utopischer Schelmenroman« und ist Mitherausgeberin von »Frauen 1-6« (sämtlich beim ça ira-Verlag Freiburg).
Gazi Caglar
ist Professor für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Hildesheim /Holzminden /Göttingen. Von Gazi Caglar und Hakan Bakar erscheint im Herbst 2004 bei Unrast das Buch »Die USA und der Nahe Osten. Geschichte und Gegenwart einer imperialistischen Beziehung«.
Thomas Gehrig,
Mitglied der Marx Gesellschaft, lebt in Rüdesheim am Rhein und ist promovierender Nachtportier.
Gerhard Hanloser,
Soziologe aus Freiburg, kommt aus einer antideutsch-antifaschistischen Familie, die Henry Morgenthau und Ilja Ehrenburg gleichermaßen verehrt, den Mauerfall in Berlin so sehr bedauerte, wie den jetzigen Zaunbau in Israel ablehnt. Schon länger dieser Kinderstube entwachsen, beschäftigt er sich mit antagonistischen Bewegungen und der Geschichte des Linksradikalismus.
Detlef Hartmann,
sozialrevolutionärer Theoretiker und in Köln lebender Rechtsanwalt, Mitarbeit bei den Zeitschriftenprojekten »Autonomie. Neue Folge« und »Materialien für einen neuen Antiimperialismus«. Politisiert 1968 durch Polizeiknüppel im »peoples park« in Berkeley bei San Francisco.
Sebastian Haunss,
Plakatforscher und Politologe, ist fest davon überzeugt, dass sich »Etwas Besseres als die Nation« immer leicht finden lassen wird – etwas Besseres als die Antideutschen allerdings auch.
Michael Kiefer
wurde 1961 geboren. Er studierte Islamwissenschaften, Politikwissenschaften und Philosophie an der Universität Köln. Derzeit arbeitet er an einer Studie zum Thema Islamischer Religionsunterricht.
Michael Koltan
lebt in Freiburg. Seine unguten Vorlieben für Bewegungsgeschichte, Philosophie und Rock’n’Roll finanziert er, indem er seine Arbeitskraft als Softwareentwickler verkauft.
Markus Mohr,
geboren in einer ehemals freien Bauern- und Sklavenhalterrepublik, die zunächst vom dänischen König regiert und später von Preußen kolonisiert wurde, ist also im Grunde gar kein »Deutscher«, heute einer von über 2 Millionen Mitgliedern der IG Metall.
Nadja Rakowitz,
geboren 1966, arbeitet derzeit am Institut für Medizinische Soziologie/Frankfurt am Main und in der Redaktion des »express. Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit«, ist Mitglied der Marx Gesellschaft und hat beim ca-ira Verlag ihre Dissertation zum Thema: »Einfache Warenproduktion. Ideal und Ideologie« veröffentlicht.
Holger Schatz,
geb. 1967, lebt in Freiburg. Studium der Soziologie und Geschichte. Im Herbst 2004 erscheint seine Dissertation »Arbeit als Herrschaft«. Diverse Publikationen, u.a. »Freiheit und Wahn deutscher Arbeit«, Münster 2001 (zusammen mit Andrea Woeldike). Mitarbeit bei Radio Dreyeckland, heillose Verstrickung zwischen Kapitalismus-Ekel, parasitär angeeignetem Zeitwohlstand, Leistungssport und Produktivismuskritik.
Bernhard Schmid,
geboren 1971 in Radolfzell am Bodensee; seit 1987 politisch aktiv, darunter von 1990 bis 93 bei den frühen Antideutschen. Lebt seit 1995 dauerhaft in Frankreich. Hauptberuflich Jurist, daneben Korrespondent und Autor linker Zeitungen, u.a. Jungle World und Analyse & Kritik. Im Herbst 2004 erscheint von ihm im Unrast Verlag das Buch »Algerien – Fronstaat im globalen Krieg? Neoliberalismus, soziale Bewegungen und islamistische Ideologie in einem nordafrikanischen Land.«
Thomas Schweier,
Mitglied der Marx Gesellschaft, wurde 1959 geboren. Er promovierte Germanistik. Tätig ist er als Leiter einer Stadtteilbibliothek in Frankfurt am Main.
Wolf Wetzel
war Autor der ehemaligen autonomen L.U.P.U.S.- Gruppe, die seit 1986 autonome Theorie mit praktischen Fragen des Alltags verband (Startbahnbewegung 1980-1991, Libertäre Tage in Frankfurt/M. 1987, Anti-Repressions-Kampagne 1987-90, Anti-Golfkriegskampagne 1991, Bundestagsblockade gegen die Abschaffung des Asylrechts 1993, Aufruf zur Verhinderung des grünen Sonderparteitags zum Krieg gegen Jugoslawien 1999). Zuletzt erschien von ihm im Unrast-Verlag 2001 das Buch: »Die Hunde bellen…Von A bis (R)Z. Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten Kämpfe der 70er bis 90er Jahre« und 2002 »Krieg ist Frieden. Über Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach…«.
Moshe Zuckermann,
Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv. Unter anderem ist er Autor der Studien: Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands (1998) und: Gedenken und Kulturindustrie. Ein Essay über die neue »Normalität« der Deutschen (1999).