Cover in groß "»Fürchte Dich nicht Bleichgesicht!«"
Stefanie Kron

»Fürchte Dich nicht Bleichgesicht!«

Perspektivenwechsel zur Literatur Afro-Deutscher Frauen


ISBN: 3-928300-52-0
Ausstattung: br., 170 Seiten
Preis: 13.00 Euro

Feministische Wissenschaft 3

Stefanie Krons genaue und sensible Recherchen und Textwiedergaben vermitteln einen umfassenden Einblick in Geschichte Gegenwart, Identitätsbildung und Widerstandsformen Afro-Deutscher Frauen.

Das Bild schwarzer Frauen ist von rassistischen, exotischen und sexistischen Stereotypen geprägt, deren massive Verbreitung in Deutschland während der Kolonialzeit begann. Für die Verbreitung dieser Negativbilder sind auch weiße Frauen verantwortlich.
Stefanie Krons genaue und sensible Recherchen und Textwiedergaben vermitteln einen umfassenden Einblick in Geschichte Gegenwart, Identitätsbildung und Widerstandsformen Afro-Deutscher Frauen.

aus dem Inhalt
Kapitel I
Ein veränderter Blick in die Geschichte
Realität und Bild Schwarzer Frauen in der deutschen
Geschichtsschreibung
AfrikanerInnen im Mittelalter und der Renaissance
Die Naturalisierung sozialer Unterschiede durch die Aufklärung
Das 19. Jahrhundert – Zur Verfestigung rassistischer und sexistischer Ideologien
Der deutsche Kolonialismus – Ein Stück verdrängte
deutsche Geschichte
Täterinnen – Weiße deutsche Frauen als Kolonialistinnen
Die kolonialisierte Frau – Zum Verhältnis zwischen weißen und Schwarzen Frauen in den deutschen Kolonien
Afro-Deutsche und AfrikanerInnen in der Weimarer Republik
und im Nationalsozialismus
Zeitgeschichte – Koloniales Erbe und faschistische Vergangenheit
Kapitel II
Postkoloniale Diskurse und feministische Literaturtheorie –
Überlegungen zur Rezeption afro-deutscher Frauenliteratur
Funktionsweise und Wirkung von Diskursen innerhalb
kolonialistisch geprägter Herrschaftsverhältnisse
Feministische Literaturtheorie – Wissenschaft westlicher
Prägung und Black Feminist Criticism
Was ist weibliche Ästhetik?
Zur Überwindung weiblicher Geschichtslosigkeit
Mit wem spricht die Stimme der Medusa?
Beispiel USA: Schwarze feministische Literaturtheorie


Black Female Literary Tradition – schwarze feministische
Literaturgeschichte
Schwarzes Bewußtsein und weibliche Ästhetik
Kapitel III
Das Schweigen brechen – Die Perspektive wechseln –
Zur politischen Bedeutung afro-deutscher Frauenliteratur
Produktionsbedingungen – Leben in einer weißen
Mehrheitsgesellschaft
Literaturproduktion im Kontext einer politischen Bewegung
Autobiographische Texte – Zur Entwicklung positiver Eigenbilder
oder Die Zwischenwelt als Chance
Geschichtsschreibung aus der Perspektive afro-deutscher Autorinnen
Sprache und Macht – herrschende Sprache und ausgeschlossene
Subjekte – Lyrik und radikale Subjektivität
Literatur afro-deutscher Frauen als Widerstandsliteratur?
Kapitel IV
Schlußwort
Abschied von May Ayim, von Orlanda Frauenverlag
Nachruf auf May Ayim, von Stefanie Kron

Leseprobe

Produktionsbedingungen – Leben in einer weißen
Mehrheitsgesellschaft

Nach Alice Walker ist die Untersuchung der Produktionsbedingungen eine der wichtigsten Punkte für die Analyse der Literatur und für das Literaturverständnis Schwarzer Frauen. Die Produktionsbedingungen afro-deutscher Autorinnen sind von denen der Afro-Amerikanerinnen hinsichtlich der Themenschwerpunkte und Inhalte verschieden. Deshalb sind auch die Themenschwerpunkte und Inhalte afro-deutscher Autorin-nen zum Teil von denen der Afro-Amerikanerinnen verschieden. Obwohl das Konzept des Black Feminist Criticism einen theoretischen Rahmen für das Selbstverständnis afro-deutscher Autorinnen bilden kann, ist er nicht ohne weiteres auf bundesdeutsche Verhältnisse und die Situation afro-deutscher Autorinnen übertragbar. Verkürzt läßt sich sagen: Sind die Produktionsbedingungen für afro-amerikanische Schriftstellerinnen schon schlecht, so sind sie für afro-deutsche Frauen noch schlechter.
Die Gründe dafür sind in den historisch begründeten ideologisch-politischen Spezifika der BRD zu suchen, wie z.B. in der auf rassisti-schen Kontinuitäten basierenden völkischen Deutschtumsdefinition, ei-nem sehr eurozentristischen Kulturbegriff und in sozialpolitischen Gege-benheiten, wie dem Fehlen von Rückzugsräumen im Sinne von commu-nities. Weiterhin spielen Rassismus in der Schule, in Kinder- und Ju-gendliteratur, die Dominanz des weißen Schönheitideals und die in der BRD weitverbreiteten abwertenden Stereotypen von Schwarzen Frauen eine wichtige Rolle für die psychische Situation der Frauen. Aus diesen Rahmenbedingungen ergibt sich eine Lebensrealtät für afro-deutsche Frauen, die von Isolation, Zerrissenheit, ‘Ortlosigkeit’ und Vereinzelung in einer weißen Mehrheitsgesellschaft gekennzeichnet ist. Damit gehen Identitätsprobleme einher, welche nach Alice Walker die Entfaltung kreativer Kräfte hemmen.
Die Geschichte von Schwarzen ist im Schulunterricht kaum Thema. Wenn die Geschichte Amerikas behandelt wird, bleibt meist die Tatsache außen vor, daß die Hälfte der Amerikaner, die die Verfassung entwarfen, Sklavenhalter waren und Schwarze von den festgeschriebenen Grund-prinzipien ausgeschlossen wurden. Die Geschichte Afrikas wiederum beginnt in deutschen Schulbüchern nur in Ausnahmefällen vor der ‘Ent-deckung’ des Kontinents durch die Europäer. So setzt sich weiterhin die Vorstellung fest, Afrika habe keine eigene – erwähnenswerte – Ge-schichte. Plünderung und Unterwerfung der heutigen Trikont-Staaten werden selten kritisch diskutiert. Der deutsche Kolonialismus und seine verheerenden Folgen für die afrikanische Bevölkerung nimmt in den Lehrplänen der Schulen nur sehr wenig Raum ein, die kolonialistische Ideologie setzt sich in verklärender Weise in Kindergedichten und -liedern fort:

„Heiß brennt die Äquatorsonne
auf die öde Steppe nieder
nur im Kraale der Ovambo
singt voll Wonne seine Lieder

Refrain:
Kalitschkakau, Katschulima
Kalitschkakaukatschulima
Kalitschkakau, Katschulima
Kalitschkakaukatschulima

Dazu singen alle: Wumba, wumba, wumba

Doch vorbei ist’s mit dem Singen
und im Kraale wird es leer
denn schon naht mit Keulenschwingen
seine Frau Ovambo her

‘Wart Dich will ich singen lehren’
hört man sie von ferne schimpfen
‘Hole Fressen für die Gören
in den Tanganyiakasümpfen!’

In den Sümpfen war die Schlange,
diese biß Ovambo sehr,
doch Ovambo war nicht bange,
und er sang sein Lied daher.

Ach, nun hat er ausgesungen,
eine Schaufel nahm das Weib
und sie warf mit ihren Jungen
in ein Grab Ovambos Leib.

Andere Fassung der Schlußstrophe:

Ach, nun hat er ausgesungen,
seine Haut zog ab sein Weib,
und sie fraß mit ihren Jungen
seinen fetten Negerleib.“
(Volksweise, zit. nach Fremgen 1984, S.76)


Der Fokus bei der argumentativen Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist, unter weitgehender Ausblendung der Verfolgung und Vernichtung anderer ‘Minderheiten’, auf die Massenvernichtung von sechs Millionen JüdInnen gerichtet. Dabei werden die Verbrechen nicht im Zusammen-hang mit ihrer Kontinuität von kolonialen und antisemitischen Denk- und Handlungsmustern interpretiert, sondern individualisiert, d.h. als isolier-tes „katastrophales Ergebnis der Tyrannei Hitlers (miß)gedeutet“. (Oguntoye/Opitz/Schultz 1991; S.134)
Historisch-gesellschaftlich gewachsene Unterdrückungs- und Abhän-gigkeitverhältnisse werden meist als ahistorische Phänomene, als biolo-gisch-naturbedingte Zwangsläufigkeiten vermittelt und nicht als struktu-relle politische Machtverhältnisse, hinter denen staatliche und ökonomi-sche Interessen stehen. Hervorgehoben werden lediglich die scheinbar uneigennützigen ‘Hilfeleistungen’ für die sogenannte ‘Dritte Welt’. Wei-ße Kinder bekommen so einen rassistisch-paternalistischen Blick auf Menschen aus diesen Ländern, deren Sprache, Religion und Kunst im Vergleich mit der ‘eigenen’, europäischen, als minderwertig eingestuft wird. Das positive Bild des Menschen aus der ‘Ersten Welt’ entsteht über diese Abwertung. „Die Infizierung mit Mythen, Halb- und Un-wahrheiten beginnt in der Kinderstube, wird z.B. in der einseitigen Be-richterstattung der Massenmedien fortgesetzt und führt zu einer tiefge-henden Verwurzelung im kollektiven Bewußtsein der Gesellschaft.“ (Oguntoye/Opitz/Schultz 1991; S.132)
Die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur transportiert in den meisten Fällen ein Afrika-Bild, das von Kolonialklischees und offenem oder subtilem Rassismus geprägt ist. Viele bekannte Erzählungen, in de-nen Menschen afrikanischer Herkunft beschrieben werden, stammen aus dem 19. Jahrhundert. Diese Literatur verbreitet in unveränderter Form – oder in Neuauflagen – die gängigen diffamierenden Stereotypen vom ar-beitsscheuen, häßlichen, dummen, exotischen, zügellosen, wilden und grausamen – kurz: unfähigen und unvollkommenen – afrikanischen Menschen, der die ‘Erziehung’ durch den weißen Europäer benötigt und ansonsten für die Zivilisation untauglich ist. (vgl. Ogun-toye/Opitz/Schultz 1991; S.127-129)
Die Lieder Zehn kleine Negerlein und Negeraufstand ist in Kuba sind zwei der bekanntesten Beispiele:

„Negeraufstand ist in Kuba
Schüsse hallen durch die Nacht,
in den Straßen von Havanna
stechen Neger auf die Wacht
Refrain:
Umba, umba, assa
Umba, umba, assa
Umba, eeo, eeo, eehh
[...]
Und der Häuptling Schwarzer Zacken,
der frißt einen weißen Backen,
und von einem Säuglingsknochen
läßt er sich ’ne Suppe kochen
In den Nächten gellen Schreie,
Köpfe rollen hin und her.
Schwarze Negerhände greifen
nach dem Goldzahn und nach mehr.
In Gesträuch und in Gestrüppe
hängen menschliche Gerippe,
und die Neger und die Kleinen
knabbern schmatzend an Gebeinen
[...]
Als der Aufstand war veronnen,
schien die liebe gute Sonnen
auf die prallen schwarzen Wänste
die da litten Stuhlgangängste“
(Volksweise, zit. nach Fremgen 1984, S.77)


In Kindergeschichten treten Schwarze, wenn überhaupt, in der Regel als unbedeutende Randfiguren auf, zumeist als Dienende oder in anderen Klischeerollen. Afro-Deutsche kommen in Kinder- und Jugendbüchern normalerweise nicht vor. Brigitta Benzig hat mehr als 400 Kinder- und Jugendbücher in Bezug auf das vermittelte Afrika-Bild analysiert und kommt zu dem Schluß:
„Die Afrikaner sind hier nur Bestandteil der exotischen Szenerie.“ Schwarzen Kindern, die in Deutschland aufwachsen, bleibt durch die be-schriebenen Bildungsstrukturen ein positiver Zugang zu ihrer afrikani-schen oder afro-amerikanischen Herkunft erschwert. Die Pädagogik vermittelt und bestätigt eine bestimmte Vorstellung von ‘schwarzer Identität’, die die ‘Minderwertigkeit’ Schwarzer Menschen fortschreibt und aus exotistischen und rassistischen Stereotypen besteht. Schwarzen Kindern werden auf diesem Weg subtile Gefühle von Unterlegenheit und Minderwertigkeit vermittelt, die sich hinderlich auf die Entwicklung ei-nes komplexen, an der Realität orientierten Selbstbildes auswirken.
Für afro-deutsche und Schwarze deutsche Mädchen und Frauen ist ei-ne positive Identifikation mit dem afrikanischen Teil der Herkunft schwer, weil ‘Schwarz’ im abendländischen Kulturkreis mit ‘böse’ und ‘schmutzig’ gleichgesetzt wird. Das sichtbarste Zeichen der Andersar-tigkeit, die Hautfarbe, wird auf diese Weise mit einem abwertenden Vor-zeichen versehen. Das europäische Schönheitsideal, welches ‘Reinheit’ symbolisiert, bezieht sich auf weiße, blauäugige Menschen und ist Teil „einer rassistischen Ästhetik, in der blond als der Inbegriff von Schön-heit gilt.“ (Hooks 1994; S.89) Dieses Schönheitsideal schließt Schwarze Menschen aus.
„Die Definition von schwarzer Haut, krausem Haar [...] als häßlich ist ein Teil des negativen Bildes, das Schwarze [...] von sich selbst finden und mit dem sie ständig konfrontiert werden. Da das Schönheitsideal schwarze Haut diskriminiert, nimmt es eine Schlüsselfunktion für die Identität der schwarzen Frau ein, da Schönheit als notwendiges weibli-ches Attribut gilt. Da die Gesellschaft großen Wert auf die Klassifizie-rung in Geschlecht und Rasse legt, werden diese [...] bereits früh bewußt gemacht und mit Werturteilen belegt.“ (Koenen 1985; S.67)
Aufgrund ihrer Sozialisation in einem dominierenden weißen Umfeld und dem Einfluß der Massenmedien ist es für Schwarze Frauen unmög-lich, der Auseinandersetzung mit dem Schönheitsideal auszuweichen.
In den letzten Jahren hat hinsichtlich der Dominanz des weißen Schön-heitsideals eine Verschiebung stattgefunden. Seit einiger Zeit gibt es auf-fallend viele Schwarze Fotomodelle und Mannequins. Das bekannteste Beispiel ist Naomi Campbell. Doch zum einen müssen diese Models trotzdem verschiedenen äußerlichen Kriterien genügen, die am weißen Schönheitsideal orientiert sind. Nase und Lippen haben relativ schmal zu sein, und das Haar darf nicht krausen, d.h. die weiße Frau mit der dunklen Haut ist gefragt. Zum anderen werden Schwarze Fotomodelle oft in einem Kontext gezeigt und beschrieben, der Exotik und wilde, un-verbrauchte Natur suggeriert. Die Popularität schwarzer Fotomodelle bietet also lediglich eine neue Matritze für das Klischee von der exoti-schen Schönheit und allen damit verbundenen (sexuellen) Projektionen. Die weitverbreitete Vorstellung von Schwarzen Frauen ist weiterhin von rassistischen, exotistischen und sexistischen Stereotypen geprägt. Gängi-ge Bilder, die ihren Ursprung in der deutschen Kolonialzeit haben, sind das faule, schmutzige, ungelehrige schwarzes Dienstmädchen oder das kokette, sexuell immer willige Mischlingsweib.
„Viele der Stereotypen, die das Bild schwarzer Frauen im deutschen Bewußtsein bestimmten, wurden kritiklos von den Massenmedien des weißen US-Amerikas übernommen *...*„ In Deutschland „*...* halten sich stereotype Negativbezeichnungen und Denkstrukturen, die auf der Annahme rassistischer Überlegenheit basieren *...* äußerst hartnäckig, einschließlich eines pejorativen Sprachgebrauchs, der selbst bei der Be-zeichnung von Süßigkeiten oft mit dem negativ besetzten Begriff ‘Neger’ verbunden ist.“ (Kraft 1990; S.29)
Bei den vom us-amerikanischen Kulturmarkt übernommenen Bildern handelt es sich vorrangig um zwei (literarische) Stereotypen: „zum einen die schwarze 'Mammy', die machthungrig geworden ist, zum anderen die sexuelle Wilde, die ihren Körper benutzt, um Männer zu verführen und zu erobern.“ (Hooks 1994; S.89)
Gerade die sexuell besetzten Stereotypen zeigen die Verbindung von Rassismus und Sexismus und wirken sich negativ auf die Entwicklung eines positiven Selbstbildes aus.
„Schwarze Frauen werden mit Klischees bombardiert, die besagen, ih-re Körper seien austauschbar. Sie haben diese Ansicht entweder passiv aufgenommen oder sich ihr heftig widersetzt [...] Tina Turners Karriere fußt auf einem konstruierten Image von schwarzer weiblicher Sexualität, das diese mit wilder, animalischer Lust gleichsetzt.“ (Hooks 1994; S.86-88)
Dieses künstlich geschaffene Image ist das Spiegelbild patriarchaler pornographischer Phantasien von der Schwarzen Frau als ungebändigte sexuelle Wilde. Hooks beschreibt, wie diese Phantasien verstärkt auf Schwarze Frauen mit hellerer Hautfarbe projiziert werden:
„Nach dem Willen der sexistischen/rassistischen sexuellen Mythologie verkörpert sie das Beste, was eine schwarze Wilde hat. Elemente des Weißseins mildern diesen Eindruck, machen das Bild weicher und ver-leihen ihm eine Aura der Tugend und Unschuld. In der unterschwellig rassistischen, pornographischen Vorstellung ist sie die vollkommene Kombination von Jungfrau und Hure, der Vamp schlechthin [...] In der Literatur und im frühen Film wurde dieses bereinigte ethnische Image als das der 'tragischen' Mulattin definiert. Tauchte sie im Film auf, war sie der Vamp, den weiße Männer fürchteten.“
Das amerikanische Stereotyp der tragischen Mulattin (tracic mulatto) zeigt Parallelen zum Stereotyp des koketten Mischlingweibes, welches deutsch-kolonialen Ursprungs ist. Afro-deutsche Frauen mit hellerer Hautfarbe sind diesem Klischeebild verstärkt ausgesetzt.
Völkische Deutschtumsdefinition, ein eurozentrischer Kulturbegriff und das Fehlen von communities stellen einen weiteren Grund für die ge-sellschaftlich benachteiligte Situation dar.
Die völkische Deutschtumsdefinition im deutschen Staatsbürgerrecht ist ein Beispiel für rassistische Gesetzgebungspolitik. In der BRD hat sich bis heute die konsequenteste Form des Abstammungsprinzips als Kriterium für Staatsangehörigkeit erhalten. Seit ihrer Entstehung Anfang des 19. Jahrhunderts ist diese Regelung ein Ausdruck von nationalisti-schen und rassistischen Absichten. Die deutsche Staatsangehörigkeit ba-siert im wesentlichen auf zwei gesetzlichen Grundlagen. Das ist erstens der Artikel 116 (1) des Grundgesetzes und zweitens das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913. Nach dem Grundgesetz von 1949 bezieht sich ‘deutsch’ als Rechtstatus nicht nur auf Menschen, die auf dem Territorium der BRD leben, sondern auch auf Personen, die in Ge-bieten wohnen, die zur Zeit der Weimarer Republik zum deutschen Reich gehörten. Der genaue Wortlaut von Artikel 116 (1) GG ist: „Deut-scher im Sinne dieses Grundgesetzes ist, [...] wer die deutsche Staatsan-gehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.“
So wie jeder Staat per Paß und Verfügungsgewalt Menschen zu StaatsbürgerInnen definiert, so geschieht dies in der BRD entlang der Konstruktion einer deutschen Volkszugehörigkeit bzw. Abstammung, die besagt, daß diejenigen Deutsche sind, die von Deutschen abstammen und deren Deutschtum wiederum damit bewiesen ist, daß ihre Eltern Deut-sche waren. Mit dieser tautologischen Stumpfsinnigkeit wird nicht ein ‘faktisches’, sondern ein potentielles Staatsvolk in Art.16 GG. festge-schrieben. Die historisch ‘zu spät gekommene’ Nation definierte sich mit ihrem Volk gleich ein Staatsgebiet und -volk, welche größer waren, als ihre damalige Souveränität. Und: das ist heute nicht anders als zur Staatsgründung. Als politische Waffe einsetzbar, erkennt die BRD im Grundgesetz die bestehenden Grenzen ihres Staatsgebietes nicht an, bzw. bestreitet anderen Staaten deren Verfügungsgewalt über Land und Leute. Diese Methode, immer mehr und immer neue Deutsche im Ausland aus-findig zu machen, reicht soweit, im Bundesvertriebenen- und Flücht-lingsgesetz als deutsche Volkszugehörige zu definieren, „wer sich in sei-ner Heimat zum deutschen Volkstum bekannt hat, sofern dieses Be-kenntnis durch bestimmte Merkmale, wie Abstammung, Sprache, Erzie-hung, Kultur bestätigt wird“ (BVFG-6). ‘Deutsch’ bezeichnet also nicht nur formelle Strukturprinzipien, „sondern darüberhinaus eine kulturelle Prägung, eine Geisteshaltung, ein Glaubensbekenntnis, das durch die Abstammungsfolge weitergegeben wird bzw. weitergegeben werden soll“. (Lwanga 1993; S.266)
Die Konstruktion der Abstammung wird umso härter gegen diejenigen gewendet, die sich nicht hierin einreihen lassen und deren politischer und ökonomischer Nutzen für die BRD nicht absehbar ist. So ist auch die sogenannte Einbürgerung von den wenigen AusländerInnen, die sowieso nur noch dafür in Frage kommen, an bestimmte Bedingungen geknüpft und folgt dem Ziel der Eindeutschung. Die deutsche Staatsangehörigkeit von Schwarzen Menschen, wenn sie mal zustande kommt, wird von der Mehrheitsbevölkerung in der BRD demgemäß kaum wahrgenommen bzw. akzeptiert: „Den [...] strukturellen Grundlagen entspricht die in der deutschen Mehrheitsbevölkerung festgefahrene Vorstellung davon, wie eine Deutsche/ein Deutscher auszusehen und sich zu verhalten hat. Sie/er darf auf jeden Fall nicht ‘fremd’ wirken. Und diese Wirkung ist offen-sichtlich um so stärker, je dunkler die Hautfarbe, je weniger europäisch die (vermutete) kulturelle Herkunft [...] Mit wenigen Ausnahmen teilen die meisten Mehrheitsdeutschen (bewußt oder unbewußt) die [...] Hal-tung der Bundesregierung: Die BRD ist ein völkischer Staat und kein Einwanderungsland.“ (Lwanga 1993; S.270)
In Verbindung mit der völkischen Deutschtumsdefinition wird ein Kulturbegriff konstruiert, der Kultur mit Hautfarbe gleichsetzt; die For-mel lautet: Deutsche Kultur gleich weiße Haut. Andere Hautfarbe – gleich andere Kultur – gleich fremd. Dazwischen: unüberbrückbare Schranken.
In den USA entstanden im Laufe der Geschichte aus den zerrissenen Sklavenfamilien afro-amerikanische communities. Mit der Herausbil-dung von communities in der US-amerikanischen Diaspora ist auch die Entwicklung von eigenen identitätsstiftenden kulturellen Aspekten und Traditionen, wie Musik, Literatur, und die Entwicklung von eigenen po-litischen Widerstandsformen verknüpft. Communities sind demnach nicht nur soziale Verbände bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, son-dern können auch Rückzugsräume bilden, in denen kulturelles bzw. künstlerisches Schaffen möglich ist und aus denen sich ein positives schwarzes Bewußtsein schöpfen läßt. Afro-deutsche Menschen dagegen leben häufig vereinzelt und isoliert in einer weißen Mehrheitsgesell-schaft. Im günstigsten Fall werden sie als ExotIinnen betrachtet, mei-stens als dunkelhäutige Fremde. Die häufig bi-kulturelle Herkunft, d.h. beispielsweise weiße Mütter oder Väter, oder ausschließlich weiße Be-zugspersonen in der Primärsozialisation erschweren den positiven Re-kurs auf den afrikanischen Teil der kulturellen Herkunft. Zur Situation der Vereinzelung und Isolation trägt das angesprochene spezifisch deut-sche Politikum bei: „[...] in Deutschland leben einige Millionen Men-schen, deren Situation mit der der US-amerikanischen Minderheiten strukturell durchaus vergleichbar ist. Mit einer wichtigen Ausnahme: In den USA gibt es kein völkisches Staatsbürgerrecht.“ (Jacob, April-Juni 1995; S.6)
Afro-Deutsche haben zwar einen deutschen Paß, stehen jedoch unter ständigem Legitimationszwang, da sie schon äußerlich aus der Deutsch-tumsdefinition, wie sie im Staatsbürgerrecht ausgeführt wird, herausfal-len. Der Fortbestand des Blutrechts ist eines der Sondergesetze, die in Deutschland ‘deutsche’ Identität garantieren. Wer sich einer ‘deutschen Identität’ sicher sein darf, wird über dieses Blutrecht entschieden. Für den ‘Rest’, wirkt die Konfrontation mit rassistischer Gewalt ‘identitäts-stiftend’. Diese Menschen werden mit einer Negativ-Identität versehen, sind die ‘Anderen’. Das bedeutet auch, daß es in Deutschland für einige Millionen Menschen keine sicheren Räume gibt (eine Tatsache, die, be-zogen auf Rassismus, in den USA teilweise durch die communities auf-gefangen wird). Spätestens seit der deutschen Einheit und den faschisti-schen Pogromen zeichnet sich die BRD durch eine Gesellschaft aus, in der der Ursprungsmythos ‘Ethnizität’ darüber entscheidet, wer ‘dazu ge-hört’ und wer nicht.
„Den Rappern von NWA wird nicht bestritten, Amerikaner zu sein! Den Rappern von Fresh Familee wird von Deutschland vielleicht ein Assimilationsangebot mit Vorbehalt ('Schnupperstaatsbürgerschaft') ge-macht, ein Angebot auf Einverleibung, eine als Gnade gewährte Option, 'Deutsche zu werden' [...] Wer dieses Angebot annimmt [...], muß bewei-sen, daß er etwas ist, was zu definieren er gar nicht die Macht hat.“ (Ja-cob, April-Juni 1995; S.8)
Dies gilt in weiterem Sinne auch für Afro-Deutsche und Schwarze Deutsche. Der einzige Weg als ‘Deutsche’ über den Paßbesitz hinaus anerkannt zu werden, wäre die komplette Anpassung an konstruierte deutsche Werte- und Kulturvorstellungen. Alle, die sich dieser Einverlei-bung verwehren, werden durch die deutsche Ausgrenzungspraxis zu be-sonderen ‘Ethnien’ gemacht. Andere Denkformen und Lebensweisen, auch wenn sie allein aus den Erfahrungen von Rassismus und Sexismus resultieren, werden nicht akzeptiert. Für afro-deutsche und Schwarze deutsche Frauen kann sich daraus ein Spannungsfeld, gezeichnet von Zerrissenheit und sozialer ‘Ortlosigkeit’, ergeben. Dieses Spannungsfeld hat Alice Walker mit contrary instincts, (einander entgegengesetzte In-teressen) bezeichnet. Sie sieht darin einen hemmenden Faktor zur Reali-sierung eines künstlerisch-kreativen Potentials.


Die Autorin

Stefanie Kron, georen 1968 in Lohr am Main, studierte Literatur - und Medienwissenschaften, Politikwissenschaft und Spanisch in Berlin und Marburg. Bis 1994 Arbeit in der Fantifa-Marburg, ab 1994 Redakteurin bei der alternativen Stadt- und Unizeitung Marburg Virus. Lebt mittlerweile wieder in Berlin.

Aus der Rubrik: Emanzipation - Frauen